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"Unsere Achillesferse ist der Arbeitsmarkt"
Getränkehandel

„Unsere Achillesferse ist der Arbeitsmarkt“

Enorm steigende Kosten, Personalmangel und eingeschränkte Lieferfähigkeit einiger Getränkehersteller machen dem Getränkefachgroßhandel (GFGH) zu schaffen. Getränke News sprach mit Dirk Reinsberg, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels, über eine Branche unter massivem Druck.


"Branche braucht Mut und Optimismus"
Dirk Reinsberg ist geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels (Foto: GFGH-Bundesverband)

Getränke News: Zwei Jahre Pandemie haben auch den GFGH massiv belastet. Hat sich das Geschäft wieder erholt? Wie stellt sich die Lage beim GFGH aktuell dar?

Reinsberg: Wir haben gerade den drittwärmsten Sommer seit Wetteraufzeichnung. Durch die Hitze und Trockenheit kommt es zu einer erhöhten Nachfrage in allen Vertriebszweigen des Getränkehandels – entsprechend ist die Absatzentwicklung mehr als zufriedenstellend. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen abermals nachteilig verändert: Erhebliche Kostensteigerungen belasten den GFGH. Insbesondere die hohen Dieselpreise schlagen zu Buche. Hier hat die zeitweise Reduzierung der Mineralölsteuer nicht den nachhaltigen Effekt gebracht und läuft darüber hinaus gerade aus. Bleibt abzuwarten, wie die Preise an der Zapfsäule sich dann entwickeln.

Unserer Forderung nach einer längerfristigen Entlastung zum Beispiel durch eine Art „Unternehmer-Diesel“ ist die Politik leider nicht nachgekommen. Ich gehe jedoch davon aus, dass es, sofern die Preise in den nächsten Monaten erneut wieder extrem ansteigen, hier zu weiteren Diskussionen kommen wird.

Getränke News: Wie steht es um das Thema Fahrermangel?

Reinsberg: Der Mangel an Arbeitskräften ist auch beim GFGH spürbar größer geworden. Viele GFGHs können ihre Geschäfte nicht mehr wie gewohnt abwickeln. Waren es vor der Pandemie vor allem die Lkw-Fahrer, die fehlten, so fehlen jetzt außerdem Kommissionierer, Gabelstaplerfahrer, Personal in der Sortierung und auch Personal im kaufmännischen Bereich. Und das landauf, landab. Hinzu kommen die erhöhten Krankenstände durch Corona. Die vorhandenen Lücken lassen sich teilweise auch nicht mehr durch den Einsatz von Dienstleistern schließen – auch denen fehlt das Personal. 

Getränke News: Gilt das auch für Veranstaltungen?

Reinsberg: Die Nachfrage im Veranstaltungssegment – zum Beispiel nach Ausschankwagen – ist nach Monaten des Stillstandes wieder da. Allerdings hat die Pandemie hier einiges verändert: GFGHs oder Dienstleister, die bislang in diesem Bereich aktiv waren, haben sich nach zwei Jahren pandemiebedingten Stillstands aus dem Geschäftsbereich zurückgezogen, ihren Geschäftsbetrieb eingestellt oder erheblich zurückgefahren. Und so erleben wir zurzeit, dass die Nachfrage nach professioneller Unterstützung und Begleitung das Angebot, das der GFGH, Getränkehersteller oder Dienstleister machen können, übersteigt. Die Folge: Veranstaltungen müssen abgesagt werden, Feste finden nicht statt. In der Langfristperspektive keine gute Aussicht.

Getränke News: Ein anderes Thema ist die eingeschränkte Lieferfähigkeit der Getränkehersteller. 

Reinsberg: Ich habe den Eindruck, dass der eine oder andere Hersteller die Dynamik des Marktes nach Corona falsch eingeschätzt hat, denn aktuell gibt es bei einigen eine teilweise eingeschränkte Lieferfähigkeit. Dies führt zu Verwerfungen in der Beschaffungslogistik und verärgert die Kunden. 

Getränke News: Produkte, die der GFGH aufgrund eingeschränkter Lieferfähigkeit nicht hat, sieht man jedoch oft im LEH. Wird der GFGH von einigen Getränkeherstellern nachrangig zum LEH beliefert?

Reinsberg: Belege für differenzierte Belieferungsprioritäten von Herstellern liegen mir nicht vor. Kennt man jedoch die Liefervereinbarungen des LEH, so drohen einem Hersteller nicht selten empfindliche Nachteile in Out-of-stock-Situationen. Das Durchsetzungsvermögen entsprechender Vereinbarungen hat der GFGH gegenüber den Herstellern nicht. Wird der GFGH dann, wie in jüngster Zeit nicht selten passiert, mit den bestellten Produkten wiederholt nicht beliefert, während diese jedoch im LEH und C & C-Markt offensichtlich verfügbar sind, so wirft dies nicht nur Fragen auf, sondern es entsteht der Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Für den GFGH entsteht dadurch neben dem wirtschaftlichen Schaden ein nicht zu unterschätzender Reputationsschaden. Denn während der GFGH die Out-of-Stock-Situation erklären muss, fährt der Gastronom in den C & C-Markt und sieht die Produkte dort zur Abholung bereitstehen.

Getränke News: Die Nachfrage hat sich im Getränkesegment in den letzten Jahren – die Pandemie einmal ausgenommen – nicht gravierend verändert. Warum hat sich die Lage in den letzten Jahren so stark zugespitzt?

Reinsberg: Die Branche hat es in den letzten Jahren nicht geschafft, die anstehenden Herausforderungen anzugehen und zu ändern. Stattdessen wird nach wie vor die Sortimentsbreite vorangetrieben – nicht nur neue Sorten, sondern auch immer wieder neue Gebindegrößen kommen auf den Markt. Hinzu kommt, dass viele Hersteller nach wie vor ihre Six-Packs in Markenkästen packen, statt neutrale Ladungsträger zu verwenden, die nachweislich die Komplexität in der Sortierung und Leergutlogistik erheblich reduzieren würden.

Getränke News: Und auch die Individualisierung hat weiter zugenommen…

Reinsberg: Richtig. Tatsache ist: Nicht wenige Brunnen setzen immer noch auf die Individualisierung von Gebinden, anstatt der Ikone der Getränke-Mehrwegsysteme, der Perlenglasflasche, den Rücken zu stärken.

Getränke News: Auch die beiden neuen Mehrwegpools der Brauer, Mehrwegpool der Brauwirtschaft eG und Gemema, haben noch keine spürbare Entlastung des Mehrwegsystems gebracht.

Reinsberg: Meines Erachtens bedarf es nicht zweier Gesellschaften, die sich des Themas annehmen. Zielführender wären ein Schulterschluss und ein gemeinsames Vorgehen oder aber eine klare Abgrenzung zwischen den beiden Protagonisten, zum Beispiel über die Gebinde-Arten. Die selbst verursachte Verunsicherung in der Brauwirtschaft sollte hier schnellstmöglich aufgelöst werden.

Die jeweiligen Pools müssen mit Nachdruck ausgebaut werden, unter anderem sollten einige namhafte Brauereien wieder weg von der Individualisierung und hin zur Poolflasche. Radeberger ist diesen Schritt bereits gegangen. Weitere müssen folgen, um die gewünschten und dringend notwendigen Optimierungen erzielen zu können.

Getränke News: Was fordert der GFGH von der Politik? Was sollte sich mittel- und langfristig ändern?

Reinsberg: In Sachen Mehrweg fordern wir den Ausbau und die Revitalisierung von Mehrwegsystemen. Die Politik sollte sich hier klar positionieren und das Mehrwegsystem unterstützen. Das Verpackungsgesetz sieht seit 2019 eine verpflichtende Kennzeichnung von Mehrweg und Einweg am Point of Sale vor. Wir fordern eine konsequente Kontrolle der Umsetzung und gegebenenfalls stärkere Sanktionen. Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, um das Ziel der 70-prozentigen Mehrwegquote zu erreichen, befürworten wir weitergehende Instrumentarien bis hin zu einer Lenkungsabgabe auf Einweg-Produkte.

Getränke News: Und bei der Arbeitsmarktpolitik? Was muss sich da ändern? 

Reinsberg: Ich stelle immer wieder fest, dass die Politik offenbar beim Arbeitsmarkt noch nicht in der Realität angekommen ist. So soll beispielsweise das Problem der vielen unbesetzten Lehrstellen nun unter anderem durch die Schaffung des Amtes für die Vermittlung von Ausbildungsplätzen gelöst werden. Wir brauchen aber kein neues Amt. Wir müssen den Mangel, den wir haben, nicht auch noch verwalten. Hier müssen andere Lösungen her. 

Getränke News: Was muss passieren, um dem Personalmangel entgegenzuwirken?

Reinsberg: Das Arbeitszeitrecht muss grundlegend modernisiert werden, um den Anforderungen der Arbeit von heute und morgen gerecht zu werden. Starre Arbeitszeiten passen nicht mehr in die digitalisierte und globalisierte Arbeitswelt, die auch im Großhandel Einzug hält. Hierzu müssen die sachgrundlose Befristung, Teilzeit, Arbeit auf Abruf und Zeitarbeit als wichtige Flexibilisierungsinstrumente ohne weitere Einschränkungen erhalten bleiben und ausgebaut werden. Außerdem müssen Unsicherheiten und Einschränkungen bei der Befristung von Arbeitsverträgen beseitigt werden. Bei der Zeitarbeit sollten die eingeführten Einschränkungen rückgängig gemacht und damit der veränderten wirtschaftlichen Lage angepasst werden.

Getränke News: Inwieweit müssen wir künftig auch auf Fachkräfte aus dem Ausland setzen?

Reinsberg: Deutschland ist auf Arbeitnehmer aus dem Ausland angewiesen. In allen Bereichen der Arbeitswelt und Wirtschaft. Wir brauchen daher eine zielgerichtete Einwanderungspolitik. Wir brauchen dringend die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und eine drastische Entbürokratisierung. Wir reden immer von Entbürokratisierung und Digitalisierung, machen aber genau das Gegenteil: Die Arbeitgeber werden zur Zettelwirtschaft verpflichtet.

Tatsache ist: Unsere Achillesferse ist der Arbeitsmarkt. Wir brauchen eine Zeitenwende in der Arbeitsmarktpolitik. Wir haben schon länger einen Arbeitnehmermarkt. Das ist aber offenbar im Arbeitsministerium noch nicht angekommen. 

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„Unsere Achillesferse ist der Arbeitsmarkt“

Enorm steigende Kosten, Personalmangel und eingeschränkte Lieferfähigkeit einiger Getränkehersteller machen dem Getränkefachgroßhandel (GFGH) zu schaffen. Getränke News sprach mit Dirk Reinsberg, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels, über eine Branche unter massivem Druck.


"Branche braucht Mut und Optimismus"
Dirk Reinsberg ist geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels (Foto: GFGH-Bundesverband)

Getränke News: Zwei Jahre Pandemie haben auch den GFGH massiv belastet. Hat sich das Geschäft wieder erholt? Wie stellt sich die Lage beim GFGH aktuell dar?

Reinsberg: Wir haben gerade den drittwärmsten Sommer seit Wetteraufzeichnung. Durch die Hitze und Trockenheit kommt es zu einer erhöhten Nachfrage in allen Vertriebszweigen des Getränkehandels – entsprechend ist die Absatzentwicklung mehr als zufriedenstellend. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen abermals nachteilig verändert: Erhebliche Kostensteigerungen belasten den GFGH. Insbesondere die hohen Dieselpreise schlagen zu Buche. Hier hat die zeitweise Reduzierung der Mineralölsteuer nicht den nachhaltigen Effekt gebracht und läuft darüber hinaus gerade aus. Bleibt abzuwarten, wie die Preise an der Zapfsäule sich dann entwickeln.

Unserer Forderung nach einer längerfristigen Entlastung zum Beispiel durch eine Art „Unternehmer-Diesel“ ist die Politik leider nicht nachgekommen. Ich gehe jedoch davon aus, dass es, sofern die Preise in den nächsten Monaten erneut wieder extrem ansteigen, hier zu weiteren Diskussionen kommen wird.

Getränke News: Wie steht es um das Thema Fahrermangel?

Reinsberg: Der Mangel an Arbeitskräften ist auch beim GFGH spürbar größer geworden. Viele GFGHs können ihre Geschäfte nicht mehr wie gewohnt abwickeln. Waren es vor der Pandemie vor allem die Lkw-Fahrer, die fehlten, so fehlen jetzt außerdem Kommissionierer, Gabelstaplerfahrer, Personal in der Sortierung und auch Personal im kaufmännischen Bereich. Und das landauf, landab. Hinzu kommen die erhöhten Krankenstände durch Corona. Die vorhandenen Lücken lassen sich teilweise auch nicht mehr durch den Einsatz von Dienstleistern schließen – auch denen fehlt das Personal. 

Getränke News: Gilt das auch für Veranstaltungen?

Reinsberg: Die Nachfrage im Veranstaltungssegment – zum Beispiel nach Ausschankwagen – ist nach Monaten des Stillstandes wieder da. Allerdings hat die Pandemie hier einiges verändert: GFGHs oder Dienstleister, die bislang in diesem Bereich aktiv waren, haben sich nach zwei Jahren pandemiebedingten Stillstands aus dem Geschäftsbereich zurückgezogen, ihren Geschäftsbetrieb eingestellt oder erheblich zurückgefahren. Und so erleben wir zurzeit, dass die Nachfrage nach professioneller Unterstützung und Begleitung das Angebot, das der GFGH, Getränkehersteller oder Dienstleister machen können, übersteigt. Die Folge: Veranstaltungen müssen abgesagt werden, Feste finden nicht statt. In der Langfristperspektive keine gute Aussicht.

Getränke News: Ein anderes Thema ist die eingeschränkte Lieferfähigkeit der Getränkehersteller. 

Reinsberg: Ich habe den Eindruck, dass der eine oder andere Hersteller die Dynamik des Marktes nach Corona falsch eingeschätzt hat, denn aktuell gibt es bei einigen eine teilweise eingeschränkte Lieferfähigkeit. Dies führt zu Verwerfungen in der Beschaffungslogistik und verärgert die Kunden. 

Getränke News: Produkte, die der GFGH aufgrund eingeschränkter Lieferfähigkeit nicht hat, sieht man jedoch oft im LEH. Wird der GFGH von einigen Getränkeherstellern nachrangig zum LEH beliefert?

Reinsberg: Belege für differenzierte Belieferungsprioritäten von Herstellern liegen mir nicht vor. Kennt man jedoch die Liefervereinbarungen des LEH, so drohen einem Hersteller nicht selten empfindliche Nachteile in Out-of-stock-Situationen. Das Durchsetzungsvermögen entsprechender Vereinbarungen hat der GFGH gegenüber den Herstellern nicht. Wird der GFGH dann, wie in jüngster Zeit nicht selten passiert, mit den bestellten Produkten wiederholt nicht beliefert, während diese jedoch im LEH und C & C-Markt offensichtlich verfügbar sind, so wirft dies nicht nur Fragen auf, sondern es entsteht der Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Für den GFGH entsteht dadurch neben dem wirtschaftlichen Schaden ein nicht zu unterschätzender Reputationsschaden. Denn während der GFGH die Out-of-Stock-Situation erklären muss, fährt der Gastronom in den C & C-Markt und sieht die Produkte dort zur Abholung bereitstehen.

Getränke News: Die Nachfrage hat sich im Getränkesegment in den letzten Jahren – die Pandemie einmal ausgenommen – nicht gravierend verändert. Warum hat sich die Lage in den letzten Jahren so stark zugespitzt?

Reinsberg: Die Branche hat es in den letzten Jahren nicht geschafft, die anstehenden Herausforderungen anzugehen und zu ändern. Stattdessen wird nach wie vor die Sortimentsbreite vorangetrieben – nicht nur neue Sorten, sondern auch immer wieder neue Gebindegrößen kommen auf den Markt. Hinzu kommt, dass viele Hersteller nach wie vor ihre Six-Packs in Markenkästen packen, statt neutrale Ladungsträger zu verwenden, die nachweislich die Komplexität in der Sortierung und Leergutlogistik erheblich reduzieren würden.

Getränke News: Und auch die Individualisierung hat weiter zugenommen…

Reinsberg: Richtig. Tatsache ist: Nicht wenige Brunnen setzen immer noch auf die Individualisierung von Gebinden, anstatt der Ikone der Getränke-Mehrwegsysteme, der Perlenglasflasche, den Rücken zu stärken.

Getränke News: Auch die beiden neuen Mehrwegpools der Brauer, Mehrwegpool der Brauwirtschaft eG und Gemema, haben noch keine spürbare Entlastung des Mehrwegsystems gebracht.

Reinsberg: Meines Erachtens bedarf es nicht zweier Gesellschaften, die sich des Themas annehmen. Zielführender wären ein Schulterschluss und ein gemeinsames Vorgehen oder aber eine klare Abgrenzung zwischen den beiden Protagonisten, zum Beispiel über die Gebinde-Arten. Die selbst verursachte Verunsicherung in der Brauwirtschaft sollte hier schnellstmöglich aufgelöst werden.

Die jeweiligen Pools müssen mit Nachdruck ausgebaut werden, unter anderem sollten einige namhafte Brauereien wieder weg von der Individualisierung und hin zur Poolflasche. Radeberger ist diesen Schritt bereits gegangen. Weitere müssen folgen, um die gewünschten und dringend notwendigen Optimierungen erzielen zu können.

Getränke News: Was fordert der GFGH von der Politik? Was sollte sich mittel- und langfristig ändern?

Reinsberg: In Sachen Mehrweg fordern wir den Ausbau und die Revitalisierung von Mehrwegsystemen. Die Politik sollte sich hier klar positionieren und das Mehrwegsystem unterstützen. Das Verpackungsgesetz sieht seit 2019 eine verpflichtende Kennzeichnung von Mehrweg und Einweg am Point of Sale vor. Wir fordern eine konsequente Kontrolle der Umsetzung und gegebenenfalls stärkere Sanktionen. Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, um das Ziel der 70-prozentigen Mehrwegquote zu erreichen, befürworten wir weitergehende Instrumentarien bis hin zu einer Lenkungsabgabe auf Einweg-Produkte.

Getränke News: Und bei der Arbeitsmarktpolitik? Was muss sich da ändern? 

Reinsberg: Ich stelle immer wieder fest, dass die Politik offenbar beim Arbeitsmarkt noch nicht in der Realität angekommen ist. So soll beispielsweise das Problem der vielen unbesetzten Lehrstellen nun unter anderem durch die Schaffung des Amtes für die Vermittlung von Ausbildungsplätzen gelöst werden. Wir brauchen aber kein neues Amt. Wir müssen den Mangel, den wir haben, nicht auch noch verwalten. Hier müssen andere Lösungen her. 

Getränke News: Was muss passieren, um dem Personalmangel entgegenzuwirken?

Reinsberg: Das Arbeitszeitrecht muss grundlegend modernisiert werden, um den Anforderungen der Arbeit von heute und morgen gerecht zu werden. Starre Arbeitszeiten passen nicht mehr in die digitalisierte und globalisierte Arbeitswelt, die auch im Großhandel Einzug hält. Hierzu müssen die sachgrundlose Befristung, Teilzeit, Arbeit auf Abruf und Zeitarbeit als wichtige Flexibilisierungsinstrumente ohne weitere Einschränkungen erhalten bleiben und ausgebaut werden. Außerdem müssen Unsicherheiten und Einschränkungen bei der Befristung von Arbeitsverträgen beseitigt werden. Bei der Zeitarbeit sollten die eingeführten Einschränkungen rückgängig gemacht und damit der veränderten wirtschaftlichen Lage angepasst werden.

Getränke News: Inwieweit müssen wir künftig auch auf Fachkräfte aus dem Ausland setzen?

Reinsberg: Deutschland ist auf Arbeitnehmer aus dem Ausland angewiesen. In allen Bereichen der Arbeitswelt und Wirtschaft. Wir brauchen daher eine zielgerichtete Einwanderungspolitik. Wir brauchen dringend die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und eine drastische Entbürokratisierung. Wir reden immer von Entbürokratisierung und Digitalisierung, machen aber genau das Gegenteil: Die Arbeitgeber werden zur Zettelwirtschaft verpflichtet.

Tatsache ist: Unsere Achillesferse ist der Arbeitsmarkt. Wir brauchen eine Zeitenwende in der Arbeitsmarktpolitik. Wir haben schon länger einen Arbeitnehmermarkt. Das ist aber offenbar im Arbeitsministerium noch nicht angekommen. 

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