Künstliche Intelligenz verspricht Effizienz, Tempo und neue Möglichkeiten. Doch viele mittelständische Unternehmen zögern noch. Getränke News sprach mit KI-Spezialist Christian Tembrink darüber, warum Datenschutz und Regulierung den Einstieg bremsen, weshalb KI Chefsache ist und wie Brauereien und Getränkehersteller die ersten sinnvollen Anwendungen finden können.

Getränke News: Viele Unternehmen erzielen beim Thema KI noch immer keine echte Wertschöpfung. Warum tun sich gerade deutsche Mittelständler damit so schwer?
Tembrink: Viele mittelständische Unternehmen sehen zunächst die Risiken und weniger die Chancen. Das Hauptproblem ist, dass die Technologie heute deutlich mehr kann, als Unternehmen rechtlich nutzen dürfen. Themen wie Datenschutz-Grundverordnung und europäische KI-Verordnung sorgen für große Unsicherheit. Viele Mitarbeiter erfahren in Schulungen zunächst, welche Rechtsverstöße möglich sind, und werden dadurch eher vorsichtig.
Hinzu kommt, dass der erfolgreiche KI-Einsatz Investitionen erfordert; nicht nur in Software-Lizenzen, sondern auch in Weiterbildung und Zeit. Mitarbeiter müssen die Möglichkeit bekommen, mit den Werkzeugen zu experimentieren und Erfahrungen zu sammeln. Gerade kleineren Unternehmen fehlt dafür häufig die personelle Kapazität.
Getränke News: Warum fällt das großen Unternehmen oft leichter als dem Mittelstand?
Tembrink: Große Konzerne haben häufig eigene Teams, die sich ausschließlich mit KI beschäftigen, rechtliche Fragen klären und als interne Ansprechpartner fungieren. Diese Ressourcen stehen dem Mittelstand meist nicht zur Verfügung.
Außerdem spielt auch die Angst vor Veränderungen eine Rolle. Manche Beschäftigte befürchten, sich durch den Einsatz von KI langfristig selbst überflüssig zu machen. Das kann die Bereitschaft bremsen, Prozesse mithilfe von KI zu optimieren und neue Möglichkeiten auszuprobieren.
Getränke News: Welche Rolle kommt dabei den Führungskräften zu?
Tembrink: Eine sehr wichtige. Viele Geschäftsführer denken bei KI zunächst an Automatisierung oder Datenanalyse. Tatsächlich kann sie aber auch bei klassischen Führungsaufgaben helfen. So kann KI beispielsweise als Sparringspartner für die Vorbereitung schwieriger Gespräche dienen oder unterschiedliche Perspektiven bei Personal- und Konfliktthemen aufzeigen. Führungskräfte können sich Anregungen holen, wie sie Konflikte zwischen Mitarbeitern lösen oder sensible Gespräche strukturieren können.
Gleichzeitig müssen Führungskräfte die Möglichkeiten der Technologie selbst verstehen. Wer das Potenzial von KI nicht kennt, kann kaum beurteilen, wo sie im Unternehmen einen echten Mehrwert schaffen kann.
Getränke News: Wie sollten Unternehmen mit den Sorgen ihrer Mitarbeiter, von KI ersetzt zu werden, umgehen?
Tembrink: Diese Sorgen sollte man ernst nehmen. Führungskräfte müssen deutlich machen, dass es nicht darum geht, Menschen zu ersetzen, sondern sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen und produktiver zu machen.
Zu einem verantwortungsvollen Umgang mit KI gehört außerdem, nicht nur über Chancen zu sprechen. Unternehmen müssen sich ebenso mit Risiken, Grenzen und den möglichen Auswirkungen auf Arbeitsabläufe und Beschäftigte auseinandersetzen.
Getränke News: Was unterschätzen Entscheider beim Thema KI derzeit am meisten?
Tembrink: Viele unterschätzen nach wie vor, was KI heute bereits leisten kann. Für die meisten Aufgaben im Arbeitsalltag lautet die entscheidende Frage nicht mehr, ob KI helfen kann, sondern wie man sie sinnvoll einsetzt. Die Herausforderung besteht darin, die eigene Arbeit so zu strukturieren, dass klar wird, welche Teilschritte man selbst erledigen sollte und welche die KI übernehmen kann. Genau darin liegt häufig das größte ungenutzte Potenzial.
Getränke News: Gleichzeitig entwickelt sich die Technologie rasant. Wird dieses Tempo ebenfalls unterschätzt?
Tembrink: Absolut. Die Leistungsfähigkeit der Modelle wächst derzeit in einem enormen Tempo. Was heute als führend gilt, kann bereits wenige Wochen später von einer deutlich leistungsfähigeren Lösung abgelöst werden. Deshalb sollten Unternehmen weniger nach der einen perfekten KI-Lösung suchen, sondern vielmehr eine Kultur der Neugier fördern. Wer regelmäßig neue Werkzeuge ausprobiert und Erfahrungen sammelt, wird die technologischen Entwicklungen deutlich besser für das eigene Unternehmen nutzen können.
Getränke News: Viele Unternehmen diskutieren noch über Strategien, während andere bereits erste Erfahrungen sammeln. Was ist derzeit wichtiger: Perfektion oder Geschwindigkeit?
Tembrink: In vielen Unternehmen stehen weniger technische als organisatorische und rechtliche Fragen im Weg. Datenschutz, mögliche Rechtsrisiken oder die Sorge um Geschäftsgeheimnisse führen oft dazu, dass Projekte lange diskutiert werden, bevor überhaupt erste Erfahrungen gesammelt werden. Dabei entstehen die größten Erkenntnisse meist erst durch praktisches Ausprobieren. Wer ausschließlich auf die perfekte Strategie wartet, läuft Gefahr, wertvolle Zeit zu verlieren.
Getränke News: Die Sorge um Geschäftsgeheimnisse ist aber doch berechtigt, oder?
Tembrink: Die Unternehmen müssen ja keine sensiblen Daten einsetzen. Prozesse lassen sich oft auch mit fiktiven Unternehmensdaten, Beispielzahlen oder Testfällen simulieren. So können Erfahrungen gesammelt werden, ohne Geschäftsgeheimnisse oder vertrauliche Informationen preiszugeben.
Getränke News: Sie bezeichnen KI als Chefsache. Warum?
Tembrink: KI ist weit mehr als ein IT-Projekt. Zwar spielen technische Fragen eine wichtige Rolle, die eigentlichen Herausforderungen liegen jedoch häufig auf organisatorischer und strategischer Ebene.
Der erfolgreiche Einsatz von KI erfordert Investitionen in Weiterbildung, neue Arbeitsweisen und die Entwicklung von Kompetenzen im gesamten Unternehmen. Deshalb kann das Thema nicht allein an die IT-Abteilung delegiert werden. Entscheidend ist vielmehr, dass die Unternehmensführung eine klare Haltung entwickelt und den Wandel aktiv begleitet. Es geht um Kulturveränderung, Veränderungsmanagement und die Frage, wie Mitarbeiter an neue Technologien herangeführt werden.
Getränke News: Die europäische KI-Verordnung sorgt bei vielen Unternehmen für Verunsicherung. Bremst Europa sich damit selbst aus?
Tembrink: Das hängt davon ab, aus welcher Perspektive man auf das Thema blickt. Als Bürger halte ich eine Regulierung von Künstlicher Intelligenz grundsätzlich für sinnvoll. Die Technologie entwickelt sich mit enormer Geschwindigkeit, und ihre möglichen Auswirkungen sind so weitreichend, dass ein gewisser Ordnungsrahmen notwendig erscheint.
Als KI-Experte sehe ich jedoch die Gefahr, dass Europa bei der technologischen Entwicklung ins Hintertreffen geraten könnte. Unternehmen, die hier KI-Lösungen entwickeln, müssen umfangreiche Dokumentations-, Berichts- und Zertifizierungspflichten erfüllen. Das verursacht Aufwand und bindet Ressourcen. Die Herausforderung besteht deshalb darin, einen sinnvollen Ausgleich zwischen Sicherheit und Innovationsfähigkeit zu finden.
Getränke News: Wenn Sie heute Geschäftsführer einer mittelständischen Brauerei oder eines Getränkeherstellers wären: Mit welchem KI-Projekt würden Sie morgen beginnen?
Tembrink: Wahrscheinlich mit keinem großen Spezialprojekt. Aus meiner Sicht liegt der größte Hebel zunächst darin, die Möglichkeiten generativer KI-Modelle wie Chatgpt, Claude oder Gemini im Unternehmen sichtbar zu machen. Mein Ziel wäre es, allen Mitarbeitern die Chance zu geben, eigene Anwendungsfälle zu entdecken. KI kann in ganz unterschiedlichen Bereichen unterstützen; von der Verwaltung über Vertrieb und Marketing bis hin zu Führungsaufgaben.
Viele Unternehmen unterschätzen, wie viel Potenzial bereits heute ungenutzt bleibt. Deshalb würde ich zunächst Räume schaffen, in denen Mitarbeiter ohne Risiko experimentieren können. Denkbar wären beispielsweise feste Zeitfenster, in denen sich Beschäftigte regelmäßig mit KI-Werkzeugen beschäftigen und neue Einsatzmöglichkeiten testen. Oft werden die größten Effizienzgewinne nicht durch einzelne Großprojekte erzielt, sondern dadurch, dass viele Mitarbeiter im Alltag kleine Verbesserungen entdecken und nutzen.






















































































