Die ProWein ringt um ihre Position als eine der internationalen Leitmessen der Branche. Einen ersten Hinweis gaben den Ausstellern im Vorfeld der Auflage 2026 schon die Hotelpreise: Wer die Nerven hatte, bis kurz vor der Großveranstaltung zu warten, fand im Internet Angebote unter 500 Euro für vier (!) Nächte. In früheren Jahren bekam man während der Messe in dieser Preisklasse gerade einmal eine einzige Übernachtung.
Noch deutlicher wird die prekäre Lage, wenn man einen Blick auf den Hallenplan wirft: 2024 waren noch 13 Hallen belegt, im vergangenen Jahr elf – und nun nur noch sieben. Nie zuvor war der Druck der Konkurrenzmesse Wine Paris, die Anfang Februar stattfand, derart deutlich spürbar. Von den über 6.900 Ausstellern im Rekordjahr 2019 waren 2025 noch etwa 4.200 übrig. Die Besucherzahlen sanken im selben Zeitraum von 61.500 auf 42.000. Für die diesjährige Ausgabe hat der Veranstalter bis zu unserem Redaktionsschluss noch keine Zahlen vorgelegt.
2020 durch die Fusion mit der international lange Zeit sehr bedeutsamen Vinexpo entstanden, beendete die Wine Paris die regionale Zersplitterung der Vergangenheit, etablierte in der französischen Hauptstadt eine neue globale Leitmesse und fordert seitdem die ProWein massiv heraus. Vor allem haben inzwischen viele französische Aussteller Düsseldorf verlassen. 2025 noch mit einer ganzen Halle vertreten, rückte die Grande Nation beziehungsweise deren verbleibende Hersteller nun in Halle 4 eng mit den Deutschen zusammen.
Weniger ausländische Kunden zu Besuch
Kein Zweifel: Auf längere Sicht dürfte die Relevanz der ProWein für die Exportmärkte wohl weiter abnehmen. Wie sich indessen die Entwicklung auf den deutschen Markt auswirkt, ist wohl noch ungewiss. Manche Aussteller sehen angesichts der Veränderungen auch positive Aspekte: Die ProWein habe zwar in ihrer bisherigen Exportorientierung verloren, findet etwa Oliver Gloden, Vorstandssprecher der Schloss Wachenheim AG. Zugleich hat er aber erfreut festgestellt, dass inzwischen sehr viele Einkäufer aus dem deutschen LEH vor Ort sind.

In diesem Jahr stünden auffallend weniger Termine mit Kunden aus dem Ausland im Messekalender, hat auch Björn Ritter, Marketingleiter von Reh Kendermann, beobachtet. Die Anreise nach Paris sei durch mögliche Direktflüge aus vielen Ländern einfacher, sieht er eine Ursache für den Wechsel nach Paris. In der riesigen Hauptstadt führe außerdem eine Messe auch nicht gleich zum Ausnahmezustand mit hohen Hotelkosten und Verkehrschaos. Da Reh Kendermann immerhin 60 Prozent seines Absatzes in Deutschland macht, bleibt für ihn die ProWein aber eine wichtige Branchenplattform.
Auch weiterhin gibt es von vielen deutschen Unternehmen ein uneingeschränkt positives Feedback zur Messe. Beispielsweise für Dietrich Rembold, Vorstandsvorsitzender der Lauffener Weingärtner, bleibt sie „die wichtigste internationale Plattform, um Innovationen nicht nur anzukündigen, sondern strategisch zu positionieren“. Die Genossenschaft betrachtet sie als „internationale Leitmesse“ und „Bühne für exklusive Markteinführungen“.
Mit Neupositionierung zu spät begonnen?
Zur Disposition steht die Messe vorläufig auch bei dem international positionierten Schaumwein-Giganten Henkell Freixenet nicht, der inzwischen auch in Paris vertreten ist, wie Kommunikationschefin Vanessa Lehmann berichtet. Die Messe Düsseldorf arbeite intensiv an neuen Konzepten, weiß sie. Möglicherweise habe man damit aber zu spät begonnen.
Den Startschuss zu ihrem Erneuerungsprozess gab die ProWein bereits 2024, eine umfangreiche Neuaufstellung inklusive personellem Wechsel in der Projektleitung erfolgte aber erst im Vorfeld der diesjährigen Messe. Zu den seit einigen Jahren geäußerten Kritikpunkten gehörten neben den teuren Standflächen und auch sonst hohen Nebenkosten ein zu starres Messekonzept und eine zu langsame Anpassung an die veränderten Marktbedingungen.
Wichtiges Schaufenster für aktuelle Trends
Bei aller Kritik war die ProWein auch in diesem Jahr wieder eines ganz sicher: ein Schaufenster für die wichtigen aktuellen Marktentwicklungen. Denn die großen Hersteller nutzten die Plattform ausgiebig, um dem Messepublikum ihre zahlreichen Innovationen zu präsentieren.
Noch mehr als bisher waren es insbesondere zwei Trends, die überall hervorstachen: die Lust auf Mixgetränke – Stichworte Ready-to-drink, Secco, Aperitivo – und das Interesse an alkoholfreien Alternativen. Und wenn es dennoch purer Wein sein soll, muss er, mit ungewöhnlichem Design oder junger Verpackung, auffallen, wie bei vielen Ausstellern zu beobachten war.

„Alle wollen Richtung Mix“, seufzte ein Hersteller, und fasste damit zusammen, wie extrem umkämpft die Kategorie ist. Inzwischen mischen dort nicht mehr nur Wein- und Sektproduzenten mit, sondern auch klassische AfG-Hersteller wie zum Beispiel bei der Marke „Carissima Ice Tea“, die Mack & Schühle im letzten Jahr zusammen mit dem Eistee-Marktführer Pfanner auf den Markt brachte. Pünktlich zur ProWein gesellte sich zu der bestehenden Sorte „Peach & Wine“ die Neuheit „Wild Berry & Wine“. Wie diese Woche – abseits der Messe – bekannt wurde, steigt jetzt auch Granini mit einer – freilich alkoholfreien – RTD-Range ins Segment ein, um an dem Boom zu partizipieren.
Auch am Stand der Kellerei Mertes standen bunte, prickelnde Mixes im Messefokus: Unter der Marke Maybach kommen vier neue Fruchtseccos mit moderaten 5,5 Volumenprozent auf den Markt. Abgefüllt in 0,275-Liter-Flaschen bedienen sie zusätzlich die Nachfrage nach Convenience-Verpackungen. Ebenfalls von Maybach und im gleichen Gebinde gibt’s ab sofort drei neue Weinschorlen in verschiedenen Geschmacksrichtungen.
Leuchtendes Orange empfing die Besucher bei Henkell Freixenet: Drei Jahre nach dem Launch des Mionetto Aperitivo ergänzt neuerdings ein fertig gemischter Spritz – mit und ohne Alkohol – das Angebot, wahlweise in der 0,75-Liter-Flasche oder als 0,2-Liter-Variante to go. Und auch auf die wachsende Nachfrage nach Getränken mit Zitronengeschmack hat Freixenet eine Antwort: Mit dem Aperitivo „Solare“ auf Spirituosenbasis kommt unter der Dachmarke ab April erstmals ein Getränk heraus, das weder Wein noch Sparkling ist. Ab Juni soll es die Neuheit auch als alkoholfreie Variante geben.
Orange und Gelb dominieren
Auf orangerote und gelbe Akzente setzt auch Schloss Wachenheim: Unter der traditionsreichen Secco-Marke (früher Prosecco) Azzurro bringt das Unternehmen erstmals ein aromatisiertes weinhaltiges Getränk auf den Markt. Ab sofort ergänzen ein Limoncello und ein Arancia Rossa (Blutorange) Sprizz in Bioqualität das Angebot.

Bunte Mixes mit wenig Alkohol
Ein Revival soll bald ebenfalls die altbekannte „Kleine Reblaus“ feiern; als leicht aromatisierter Cocktail mit 9,5 Volumenprozent passe er wieder gut in die Zeit, glaubt man bei Schloss Wachenheim. Ganz weg war die Marke nie, doch ihre früheren Verwender sind in die Jahre gekommen. In neuer Optik und veränderter Positionierung soll sie nun auch jüngere Zielgruppen ansprechen.
Wein muss zum Hingucker werden
Freilich wenden sich klassische Weinanbieter trotz aller jungen Trends nicht vollends vom Wein ab, doch was der jungen Generation gefallen soll, muss sich vom Altbekannten deutlich unterscheiden und sich am besten auch optisch im Regal vom Wettbewerb abheben. Einen ganz neuen, ausdrücklich als Herkunftsmarke positionierten Wein hat zum Beispiel der Badische Winzerkeller entwickelt: „The Black Forest“ will sich jungen Nicht-Weintrinkern auf eine gänzliche neue Art nähern.
Wie der Vorstandsvorsitzende André Weltz erläutert, sollen sie übers Lesen zum Getränk gebracht werden. Dazu greift die Genossenschaft die aktuelle Begeisterung für Romance-Literatur auf. Die junge Autorin und Influencerin Luca Jaro schrieb für die Marke eine im Schwarzwald spielende Liebesgeschichte, die auf den Flaschen weitererzählt wird, wo die Hauptpersonen Johann (Rotwein) und Theres (Weißwein) per Siebdruck verewigt sind. Die Story soll auf den sozialen Medien verbreitet werden, zudem sind Lesungen am POS geplant.
Um bessere Sichtbarkeit geht es auch der Moselland Winzergenossenschaft – speziell bei ihrer Traditionsmarke „Dr. Faust“. Die Marke habe immer mehr Fans verloren, das Design hebe sich nicht ausreichend vom Wettbewerb ab und wirke etwas „verstaubt“, berichtet Geschäftsführer Marc Felten, der den Klassiker nun moderner und auffälliger positionieren möchte, um die Weintrinker von morgen zu gewinnen.
Rebsorten im modernen Look
Man habe sich vorgenommen, die von Goethes literarischem Werk inspirierte Weinlinie zur ersten deutschen Marke zu machen, die Rebsortenweine mit einem modernen, emotionalen Design verbinde. Auffälliger, mutiger solle sie werden, natürlich tauglich für die Präsentation in den sozialen Medien und auf Merchandise-Artikeln. Schließlich entschied man sich, den Aspekt von „des Pudels Kern“ aufzugreifen; nun zeigt jede Flasche unterschiedliche menschliche Figuren mit Hundekopf – je nach Sorte mit verschiedenen knalligen Farben gestaltet.

Und dann war da noch hochwertiger Wein in Dosen – für die Lauffener Weingärtner keineswegs ein Sakrileg und keine „Notlösung“, sondern „ein bewusstes Markenstatement“. Entwickelt wurde die Serie aus Grauburgunder, Merlot und der leicht spritzigen „Perlspiel“-Cuvée in Kooperation mit Vinocan. Mit der Neuheit in dem Convenience-Gebinde will die Genossenschaft zusätzliche Konsumanlässe und Genuss-Orte schaffen und jüngere Konsumenten im urbanen Umfeld ansprechen. Ein weiteres Beispiel, wie sich die Branche für die Zukunft aufstellt.
Ob junge Konsumenten von Ready-to-drink, No & low und Dosenwein später doch irgendwann zum „echten“ Wein finden, kann vielleicht die ProWein in zehn Jahren zeigen.






















































































