Mit der angekündigten Schließung der Herforder Brauerei und dem möglichen Aus für den Standort Paderborn vollzieht die Haus Cramer Gruppe (ehemals Warsteiner Gruppe) den tiefsten Einschnitt ihrer jüngeren Unternehmensgeschichte. Was vom Unternehmen als Reaktion auf den anhaltenden Schrumpfkurs des deutschen Biermarktes begründet wird, markiert tatsächlich das Ende einer jahrzehntelang gewachsenen Mehr-Standorte-Strategie in Nordrhein-Westfalen. Für die traditionsreichen Regionalmarken Herforder und Paderborner beginnt damit eine neue Ära – und für die Eigentümerfamilie Cramer ein riskanter Umbau ihres Brauereigeschäfts.
Es wirkt wie ein Befreiungsschlag: Zwei Braustätten, die in besten Zeiten jeweils eine Million Hektoliter Bier brauten, werden zeitnah geschleift. Sowohl die Herforder als auch die Paderborner Brauerei verabschieden sich aus Ostwestfalen, und die Marken werden demnächst am Stammsitz in Warstein gebraut. Was einstmals regionale Kräfte im Konzert der Haus Cramer Brauereien waren, befreit nicht nur das eigene Haus, sondern vor allem den westfälischen Biermarkt von sinnlos gewordenen Überkapazitäten.
Doch die Risiken für die verbleibende Warsteiner Brauerei wachsen mit dem doppelten Standortverzicht enorm. Die Komplexität und damit die Produktionskosten nehmen aufgrund kleiner Chargengrößen und verminderter Effizienz künftig zu. Überdies verlieren die Biermarken mit gleichzeitiger Herkunftsbezeichnung ihre ursprüngliche Authentizität und Glaubwürdigkeit. Werden Gastronomen und Verbraucher dem abrupten Strategiewechsel folgen?
Frankenheim massiv geschrumpft
Tatsächlich steht die Entwicklung der einst vier NRW-Standorte der Haus Cramer Gruppe beispielhaft für den Bedeutungsverlust eines früheren Marktführers. Die Marke Warsteiner findet sich heute nicht einmal mehr unter den Top-5 im nationalen Markenranking, nahezu alle Marken wurden mengenmäßig halbiert und kamen unter die Räder eines wettbewerbsintensiven Biermarktes.

Bereits 2005 übernahm die Warsteiner Brauerei die Düsseldorfer Frankenheim Brauerei. Andere Interessenten hatten sich zuvor aus dem Bieterprozess um die traditionsreiche Altbier-Marke zurückgezogen. Ein Großteil des wirtschaftlich attraktiven Fassbiergeschäfts war ohnehin bereits eng an den Kooperationspartner Warsteiner gebunden. Doch die erhoffte Belebung der Marke blieb in den Folgejahren aus: Weder Frankenheim Alt noch der legendäre Altbier-Cola-Mix Frankenheim Blue erhielten in den Folgejahren die erhofften Wachstumsimpulse unter dem Dach der Haus Cramer Gruppe.
Dass sich dieser Brauereikauf nicht als Stärkung des Unternehmens erweisen sollte, wurde spätestens 2009 deutlich. Nachdem bereits im Jahr zuvor die Altbier-Produktion nach Warstein verlegt wurde, verkaufte das Haus Cramer die Neusser Frankenheim-Braustätte dann endgültig. Das Ergebnis dieser schlichten Hektoliter-Transaktion fällt eindeutig aus: Von einstmals 400.000 Hektolitern zur Jahrtausendwende blieben bis heute geschätzte 70.000 Hektoliter übrig. Rückblickend dürfte sich die Übernahme damit wirtschaftlich kaum ausgezahlt haben.
Herforder war einst Hektoliter-Millionär
Ein ähnliches Muster zeigte sich in den Folgejahren auch bei der Herforder Brauerei. Noch vor der Wiedervereinigung gelang den Eigentümern um die Familie Uekermann der Aufstieg in die Spitzengruppe der deutschen Premium-Brauereien: 1988 überschritt das Unternehmen erstmals die Marke von einer Million Hektolitern. Spätestens in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre wurde es für die ostwestfälischen Traditionsbrauer schwieriger – die Absatzverluste nahmen zu. Und das, obwohl man sich lange Jahre sogar kostspielige TV-Werbung leistete. Die Familiengesellschafter suchten den Exit und fanden ihn 2007, als Warsteiner Patriarch Albert Cramer zugriff.

Doch auch unter dem Dach der Haus Cramer Gruppe setzte sich der Abwärtstrend fort. In den beiden nachfolgenden Jahrzehnten verlor Herforder zunehmend Marktanteile – auch weil Krombacher nach der Übernahme des Sponsorings bei Arminia Bielefeld den ostwestfälischen Markt stärker in den Fokus rückte. Bis heute blieben kaum mehr als 250.000 Hektoliter der einst strahlenden Marke übrig.
Dass es dem Standort wirtschaftlich zunehmend schlecht ging, wurde bereits deutlich, als Roland-Berger-Managerin Alessandra Cama auf Zeit die Führung der Haus Cramer Gruppe übernahm. Der als strategisch notwendig betrachtete Ausstieg bei Herforder erwies sich 2018 jedoch als deutlich schwieriger als erwartet. Warsteiner-Chefin Alessandra Cama machte damals kein Geheimnis daraus, dass die Brauerei rote Zahlen schrieb und die Konzernbilanz drückte. Nachdem die Verkaufsbemühungen jedoch im Sande verlaufen waren, zog ihr Nachfolger Christian Gieselmann die Reißleine und machte keine weiteren Versuche. Das Fazit war ernüchternd: Die Brauerei war schlichtweg unverkäuflich.

Investitionen in Herforder Brauerei
Ein Strategiewechsel musste her. Unter dem damaligen Warsteiner-CEO Helmut Hörz und Technik-Geschäftsführer Jens Hoffmann setzte die Gruppe deshalb verstärkt auf den Ausbau der Herforder Brauerei als flexiblen Filling-Standort. Tatsächlich wurde für Edeka bereits vorher die Handelsmarke Traugott Simon abgefüllt, ein Label, das von der Übernahme der Trinkgut-Märkte noch unter Gesellschafter Torsten Töller Bestand hatte.

Rund 20 Millionen Euro investierte das Unternehmen bis zum Frühjahr 2025 – damals noch voller Optimismus – in die neue Abfülltechnik, die nach vierjähriger Planungs- und Bauphase eine über 30 Jahre alte Anlage ablöste. Das neue System ermöglicht seither eine enorme Flexibilität: Insgesamt können rund 70 verschiedene Gebinde in Volumengrößen zwischen 0,2 und 0,5 Litern abgefüllt werden. Dank einer integrierten Mischanlage und eines neuen Sirup-Raums ist der Standort in der Lage, neben klassischem Bier auch Biermischgetränke, Filler wie Tonic Water und Spezialitäten wie „Helles Dittken“ in der Sudflasche abzufüllen.
Abfüllung kommt nach Warstein
Inhaberin Catharina Cramer selbst betonte damals im Kreis zahlreicher Ehrengäste, dass die Brauerei durch diesen Schritt nachhaltig und zukunftsorientiert aufgestellt wurde, um auf die Dynamik der Getränkebranche reagieren zu können. Ergänzt wurde die Modernisierung durch einen bereits im Vorjahr neu installierten, 4.500 Quadratmeter großen Leerguthof, der die Logistik am Standort weiter optimiert.
Jetzt also die Rolle rückwärts. Technik-Geschäftsführer Jens Hoffmann kündigte die Schließung des Standortes schon für August 2026 an, fast 100 Arbeitsplätze bleiben in Herford auf der Strecke. Die Hightech-Abfüllung – neben dem Sudhaus das Herzstück der Brauerei – wird demontiert und nach Warstein geschafft.

Catharina Cramer und ihr Führungsteam entschieden sich schließlich auch für den Rückzug aus Paderborn. Auch dort hatte Jens Hoffmann noch vor geraumer Zeit angekündigt, mit großen Investitionen das Brauvolumen sogar noch auf rund 1,2 Millionen Hektoliter nach oben zu schrauben. Auch davon bleibt wenig übrig. Die Hektoliter der Preiseinstiegseinstiegsmarke Paderborner, vornehmlich durch Halbliter-Ware im Mehrwegkasten oder in der Dose positioniert, werden an den Stammsitz Warstein verschoben – die Immobilie wird entweder verkauft oder geschlossen. Nochmals 100 Mitarbeiter sind davon betroffen.

Was von Warsteiner wie eine Reaktion auf das verloren gegangene Biermarktvolumen kommuniziert wird, wirkt auf Branchenbegleiter angesichts des abrupten Kurswechsels in der strategischen Ausrichtung eher wie ein Rettungsversuch für die Haus Cramer Gruppe. Die Absatzeinbrüche im ersten Tertiär des Jahres haben das Management-Team um die beiden Geschäftsführer Raphael Rauer und Jens Hoffmann und die bereits vor gut einem Jahr operativ ausgeschiedene Inhaberin Catharina Cramer offenbar nervös gemacht. Anders ist der Tabubruch mit der gewerkschaftlich vereinbarten Jobgarantie an allen Standorten nicht zu erklären.
Aus rund 1.400 Mitarbeitern zu Spitzenzeiten in der Gruppe werden angesichts der geschrumpften Standortanzahl zu guter Letzt noch rund 800 übrigbleiben. Genau zwei Jahrzehnte nach ihrem Eintritt in die Geschäftsführung des Familienunternehmens steht Catharina Cramer vor der Erkenntnis, dass die Haus Cramer Gruppe in einem zunehmend harten Biermarkt erheblich an brauwirtschaftlicher Stärke eingebüßt hat. Dennoch versucht sie weiterhin, das familiäre Lebenswerk in die nächste Generation zu führen.
Premium- und Billigbier aus demselben Kessel
Die Strategie, die verbleibenden Hektoliter aus Herford oder Paderborn zum Volumensaufbau des Standortes Warstein zu nutzen, ist nicht ohne Risiken. Unklar bleibt, welche Abschmelzverluste die Marken Herforder und Paderborner in ihren Stamm-Märkten erleiden. Hinzu kommt, dass das Unternehmen mit seiner Vorzeigemarke Warsteiner zunehmend in Erklärungsnot gerät, wie es gelingen kann, aus denselben Sudkesseln preislich so unterschiedliche Biere ins Handelsregal zu stellen.

Es war Albert Cramer selbst, der es in den 90er-Jahren auf Nachfrage für schädlich hielt, einen solchen Weg zu gehen. Umstritten bleibt, ob die Markennamen Herforder und Paderborner mit eindeutiger Herkunftsbezeichnung aus weit entfernten Sudkesseln Bestand haben, selbst wenn ein Hinweis „Im Sauerland gebraut“ dorthin lenken soll. Sogar der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen, Jürgen Behlke, äußerte gleich nach Bekanntwerden der Nachricht, dass die Verlegung des Brauortes bei gleichzeitiger Beibehaltung des ortstragenden Markennamens zumindest eine „Verbrauchertäuschung“ darstellen könnte.
Konflikt mit Verbraucherschützern
Die Verbraucherschutzvereine, die sich als Hüter des Wettbewerbsrecht verstehen, werden sich unterdessen die Hände reiben, weil ein alter Konflikt wieder aufbricht. Gleich nach dem Kauf der Paderborner Brauerei hatte Warsteiner-Inhaber Albert Cramer den strategischen Ansatz, zur Entlastung der eigenen Braustätte die Nebensorten Alkoholfrei und Leicht in Paderborn zu produzieren. Doch die Verlagerung gipfelte in einem Rechtsstreit zwischen dem Verbraucherschutzverein und der Brauerei – die Kennzeichnung mit dem Hinweis „Aus unserer Paderborner Braustätte“, wurde immer wieder angefochten. Entnervt gab Albert Cramer schließlich klein bei. Fortan fuhren Tankwagen das Bier zur Abfüllung nach Paderborn. Die zuletzt eingeführten Sorten Pilger oder Dittken dürften da weniger ein Problem darstellen, besitzen allerdings so gut wie keine Mengenbedeutung.
Der große Verlierer heißt NGG
Wo es Veränderungen gibt, sind Verlierer schnell auszumachen. Entsprechend groß ist der Unmut bei der Gewerkschaft NGG. Dort dürfte man sich getäuscht fühlen, nachdem die haustarifliche Vereinbarung mit der Unternehmensführung für viele Beschäftigte letztlich ohne den erhofften Schutz blieb.
Direkt mit dem Kommen vom zeitweiligen Warsteiner-Lenker Helmut Hörz war die Zusammenarbeit mit der traditionsreichen Tarifgemeinschaft der Sauer- und Siegerländer Brauereien aufgekündigt worden. Ein deutlich schlechter bewerteter Haustarifvertrag, ausgehandelt von der Warsteiner Geschäftsführung und der NGG, sollte zumindest Arbeitsplatzsicherheit bringen.
Die jüngste Stilllegung beider Braustätten führt die Vereinbarung vor ihrem Ende im Jahr 2028 ad absurdum und macht die schwache Flanke der NGG deutlich. Während die NGG-Funktionäre sich in Warnstreiks vor die Tore der Tariflohn zahlenden Brauereien Krombacher oder Veltins stellten, tolerierten sie kleinlaut die Schlechterstellung ihrer Kollegen unter dem Dach der Haus Cramer Brauereien. Die Quittung hat die NGG jetzt bekommen und damit ein gehöriges Stück an Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Doch wo es Verlierer gibt, gibt es auch Gewinner: Jens Hoffmann, der heutige Technik-Geschäftsführer der Haus Cramer Gruppe, wechselte erst 2022 zum Unternehmen und zählt zu den zentralen Akteuren des nun aufgegebenen Expansionskurses. Er verantwortete maßgeblich den Ausbau der Standorte Herford und Paderborn. Nun überbrachte Hoffmann die Nachricht vom Rückzug aus beiden Braustätten, ehe er die Branche und Inhaberin Catharina Cramer mit seinem bevorstehenden Wechsel zur Bitburger Braugruppe überraschte.
























































































