Ritzenhoff hat nach der Insolvenz den wirtschaftlichen Turnaround geschafft, sieht die Sanierung aber noch nicht als abgeschlossen an. Der Glashersteller investiert weiter in den Standort Marsberg und will sich mit kleineren Losgrößen wieder stärker für mittelständische Getränkehersteller öffnen. Im Gespräch mit Getränke News erläutern Gesellschafter Jens-Uwe Göke und Geschäftsführer Steven Heinemann, was sich im Unternehmen verändert hat und wo Ritzenhoff künftig wachsen will.
Getränke News: Ritzenhoff hat Anfang 2024 Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet und 2025 erstmals seit Jahren wieder schwarze Zahlen geschrieben. Ist die Sanierung damit abgeschlossen?
Göke: Nein, abgeschlossen ist sie noch nicht. Es wäre ein Wunder, wenn wir etwas anderes behaupten könnten. Wir schreiben zwar wieder schwarze Zahlen, aber die Sanierung ist noch nicht abgeschlossen. Wir haben Strukturen verschlankt und Kosten gesenkt. Jetzt geht es darum, technologisch weiterzukommen und Prozesse zu digitalisieren. Wir wollen beispielsweise weg vom Begleitzettel und hin zu IT-gestützten Abläufen. Damit können wir schneller reagieren und näher am Kunden sein. Als Mittelständler ist genau das unsere Stärke.
Getränke News: Was hat sich seit der Insolvenz innerhalb des Unternehmens am stärksten verändert?
Heinemann: Vor allem die Haltung im Unternehmen. Seit der Insolvenz spürt man im Unternehmen eine andere Bereitschaft zur Veränderung. Mitarbeiter und neue Gesellschafter wollen Ritzenhoff gemeinsam nach vorn bringen. Das hilft enorm. Ich bin seit 28 Jahren bei Ritzenhoff und sehr dankbar, dass ich nun die Chance bekommen habe, das Unternehmen als Geschäftsführer mitzugestalten.
Getränke News: Welche Maßnahmen waren entscheidend, um Ritzenhoff wieder in die Gewinnzone zu bringen?
Göke: Der Personalabbau war notwendig. Wir hatten einen zu großen Apparat für einen zu kleinen Umsatz und mussten Kosten senken. Entscheidend war aber auch, wieder bodenständiger zu werden. Ritzenhoff war zu arrogant. Wir wollten unsere Kunden zurückgewinnen und ihnen wieder auf Augenhöhe begegnen. Diese Veränderung im Unternehmen war mindestens genauso wichtig wie die Kostensenkungen. Wir sind nicht die große AG, wir sind Mittelständler. Wir sind nahbar und haben einen Geschäftsführer, der weiß, wie man Glas produziert.
Getränke News: Wie stark prägen die neuen Gesellschafter heute das operative Geschäft?
Göke: Sehr stark. Unser Hauptgesellsachafter Robert Tönnies geht jede Woche durch die Produktion und schaut sich die Abläufe sehr genau an. Er ist ein Experte, wenn es um Effizienz geht. Ich selbst komme eher aus dem Finanzbereich und aus der Brauereiwirtschaft. Wenn wir mit Herrn Heinemann zusammensitzen und uns austauschen, funktioniert das sehr gut.
Wir sind heute viel schneller geworden. Ich sage manchmal: Wir sind das älteste Start-up in Nordrhein-Westfalen. Wir haben mehr als 120 Jahre Erfahrung, aber wenn wir eine Entscheidung treffen, wird sie sehr schnell ins Unternehmen getragen. Wir müssen keinen Beirat oder Aufsichtsrat fragen. Und wenn wir merken, dass eine Entscheidung falsch war, ändern wir sie eben wieder. Wir sind deutlich dynamischer geworden.
Getränke News: Welche Rolle spielt dabei die eigene Produktionstiefe?
Heinemann: Eine sehr große. Wir haben die komplette Wertschöpfungskette im Haus, vom Sandkorn bis zum Designerglas. Von der Glasherstellung bis zur Veredelung können wir für unsere Kunden den gesamten Prozess abbilden.
Getränke News: Ein Teil der Veredelung wurde inzwischen von Polen wieder nach Marsberg zurückgeholt. Was bringt das Ihren Kunden?
Heinemann: Unsere Flexibilität ist deutlich größer geworden. Wenn man Glas transportiert, transportiert man vor allem Luft. Deshalb ist es ein großer Vorteil, dass wir die Veredelung wieder direkt am Standort haben. Wir haben dort deutlich aufgerüstet und können die verschiedenen Verfahren selbst abbilden. Das macht uns wesentlich schneller.
Auch bei den Losgrößen gehen wir deutlich nach unten. Heute können wir rund 10.000 Gläser produzieren und anschließend direkt bei uns veredeln. Künftig wollen wir bis auf etwa 5.000 Stück herunterkommen. Dafür setzen wir auf kleinere Maschinen und kleinere Formensätze. Damit können wir auch mittlere und kleinere Kunden bedienen. Selbst für einen kleinen Brauer wird es dann möglich, ein eigenes Glas zu entwickeln. Das war bei den früheren Losgrößen kaum machbar.
Göke: Die Veredelung zurückzuholen, war eine große Kraftanstrengung. Sie gibt uns aber genau die Flexibilität, die wir heute brauchen. Neben Kunden, die geringere Stückzahlen brauchen, können nun auch größere Getränkehersteller zunächst mit einer kleinen Serie testen, wie ihr Produkt im Markt ankommt. Ist der Test erfolgreich, können wir auf eine größere Linie wechseln und schnell höhere Stückzahlen produzieren.
Getränke News: Wie läuft die Entwicklung eines individuellen Glases konkret ab?
Heinemann: Gemeinsam mit dem Kunden entwickeln wir zunächst das Design des Glases. Anschließend können wir ein echtes Glasmuster anfertigen, das mundgeblasen wird. Der Kunde bekommt also nicht nur eine Zeichnung oder einen 3D-Druck, sondern hält das spätere Glas tatsächlich in der Hand. Auch die Kartonverpackung zum Glas können wir entwickeln.
Getränke News: Wie entwickelt sich die Nachfrage nach individuellen Gläsern?
Heinemann: Die Nachfrage hat deutlich zugenommen. Vor rund zehn Jahren haben wir etwa 40 Designs im Jahr entwickelt, heute sind es über 200. Und das Interesse kommt nicht nur von Brauereien. Auch Hersteller alkoholfreier Getränke wollen sich zunehmend über das Glas differenzieren.
Göke: Ich bin selbst Gesellschafter der Schlossbrauerei Rheder. Für eine Brauerei in einer Größenordnung von rund 30.000 Hektolitern wäre ein individuelles Glas früher kaum ein Thema gewesen. Heute ist das erstmals denkbar. Gerade für kleinere Brauereien eröffnet das neue Möglichkeiten, sich im Markt abzugrenzen.
Getränke News: Gleichzeitig stehen insbesondere Gastronomie und Brauwirtschaft wirtschaftlich unter Druck. Spüren Sie das bei den Aufträgen?
Göke: Die gesamte Gastronomie steht unter Druck. Weil wir viele Brauereien beliefern, merken wir den Rückgang dort besonders stark. Auf der Iberischen Halbinsel ist die Situation dagegen deutlich besser. Dort spüren wir die Krise bei unseren Kunden kaum.
Getränke News: Ritzenhoff investiert mehr als sechs Millionen Euro in eine neue Produktionslinie. Was wird sich dadurch verändern?
Heinemann: Mit der neuen Linie wollen wir vor allem flexibler werden und kleinere Losgrößen produzieren können. Zusätzlich erneuern wir den schwächeren Teil unserer zweiten Linie komplett. Dafür investieren wir noch einmal rund 4,5 Millionen Euro. Wenn wir künftig von der Linie für kleinere Losgrößen auf die für größere wechseln, soll die Qualität durchgängig auf demselben Niveau bleiben. Die Qualität unseres Kristallglases ist seit jeher sehr hoch. Darum geht es bei der Investition auch nicht. Verbessern können wir uns vielmehr bei einzelnen nachgelagerten Arbeitsschritten, etwa beim Polieren der Stielnähte.
Getränke News: Sie investieren wieder deutlich in den Standort Marsberg. Welche Rolle spielt dabei die Energieversorgung?
Heinemann: Wir arbeiten derzeit an einem Energiekonzept mit unserem Windpark und wollen die Elektrifizierung unserer Glasproduktion konsequent vorantreiben. Der Gaspreis setzt uns stark unter Druck.
Getränke News: Wo soll Ritzenhoff in drei bis fünf Jahren stehen?
Göke: Wir wollen uns auf zwei Standbeine konzentrieren. Zum einen wollen wir das Endverbrauchergeschäft weiter ausbauen. Zum anderen wollen wir uns in der Getränkeindustrie breiter aufstellen, bei Limonaden, Mineralwasser und Spirituosen. Bier bleibt für uns aber ein ganz wichtiger Bereich.
Wir wollen als deutsche Glashütte wettbewerbsfähig bleiben. Dafür müssen wir effizient arbeiten und unser Know-how und unsere Qualität ausspielen. Wenn man es gut macht, kann Produktion auch in Deutschland funktionieren. Diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen und stetig besser werden.
Getränke News: Wie wichtig ist das Geschäft mit Endverbrauchern inzwischen?
Heinemann: Das Endverbrauchergeschäft macht inzwischen rund 20 Prozent unseres Geschäfts aus. Gestartet sind wir einmal bei etwa zehn Prozent, seitdem ist der Bereich stark gewachsen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die bunten Designgläser, für die Ritzenhoff bekannt ist. Wir bauen auch unser Angebot an Gläsern für den gedeckten Tisch aus.
Im Designbereich war unser Portfolio lange sehr schmal. Ein Marktforschungsinstitut hat unsere damalige Zielgruppe einmal mit „Claudia, 45“ beschrieben. Das zeigt ziemlich gut, wie eng wir aufgestellt waren. Im vergangenen Jahr ist die Designmarke gewachsen, weil wir das Sortiment verbreitert und neue Zielgruppen angesprochen haben, zum Beispiel Kinder. Dann gehört eben auch einmal ein Wasserglas mit einem rosa Pferdchen dazu. Mit dieser größeren Vielfalt erreichen wir heute deutlich mehr Menschen. Gleichzeitig wollen wir sowohl Privatkunden als auch unsere professionellen Kunden bedienen.
Getränke News: Welche Bedeutung hat das Glas künftig für Getränkemarken?
Göke: Für Marken werden Emotion und Erlebnis immer wichtiger. Das Glas soll dabei eine wichtige Rolle spielen. Gemeinsam mit unseren Kunden wollen wir das Erlebnis rund um das Getränk mitentwickeln und unterstützen. Wenn eine Marke Emotionen erzeugen will, muss auch das Glas dazu passen. Genau dazu können wir als Glashersteller mit unseren Produkten beitragen.

























































































