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„Wir brauchen Brückenbauer“
GFGH-Bundesverband

„Wir brauchen Brückenbauer“

Nach über 20 Jahren an der Spitze des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels verabschiedet sich Günther Guder in den Ruhestand und übergibt die Führung an seinen Nachfolger Dirk Reinsberg. Getränke News sprach mit beiden über die Zukunft der Branche.

 

Getränke News: Herr Guder, Sie stehen seit beinahe 23 Jahren an der Spitze des Verbands. Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?

Guder: Wir haben zum Beispiel sehr früh die verschiedenen Landesverbände zu einem gemeinsamen Bundesverband fusioniert. Das war ein sowohl wichtiger wie richtiger Schritt zur rechten Zeit. Die alten Strukturen entsprachen nicht mehr den Anforderungen des immer intensiver werdenden Wettbewerbs. Zudem gab es immer mehr bundesweit relevante Themen, die dann auch an zentraler Stelle diskutiert und bearbeitet werden sollten.

Getränke News: Wie lange zog sich dieser Prozess hin?

Guder: Die Diskussionen begannen 1996 – und der letzte Fusionsvertrag wurde 2004 unterschrieben. Bei der Zusammenführung entschied man sich für ein Führungsmodell mit einem Hauptamtlichen an der Spitze. Der kann nicht nur frei von äußeren Einflüssen entscheiden, sondern auch schneller, als wenn er sich zuvor mit einem Präsidium oder Ausschüssen abstimmen müsste. Unsere Mitglieder werden stattdessen über den Beirat in Entscheidungen einbezogen. Das bedeutet weniger Bürokratie und kürzere Reaktionszeiten.

Getränke News: Herr Reinsberg, kann man die Erfahrung aus so vielen Jahren der Verbandsarbeit überhaupt aufholen?

Reinsberg: Das geht sicherlich nicht von heute auf morgen. Aber wenn ich im Februar 2019 die Aufgaben von Herrn Guder übernehme, werden bereits anderthalb Jahre „Lehrzeit“ hinter mir liegen. Ich habe ja schon 2017 als Justiziar beim Bundesverband begonnen und verstehe durch die Unterstützung von Günther Guder die Branche immer besser. Ich bin ja auch nicht ganz neu in der Branche, wenn ich auch die Dinge zuvor von der anderen Seite des Tischs her betrachtet habe – anfangs, Ende der 1990er Jahre, als Vertriebsjurist bei Jever, zuletzt als Leiter des Vertriebssupports Gastronomie bei der Radeberger Gruppe.

Guder: Das rechne ich meinem Beirat auch hoch an, dass man uns eine so lange Zeit für die Einarbeitung gegeben hat. Das wird sich für die künftige Arbeit natürlich auszahlen. Es ist zudem gut zu wissen, dass ich meine Aufgaben, die ich mit viel Herzblut erledigt habe, in Ruhe in gute Hände übergeben kann.

Getränke News: Ich würde vor dem Ausblick in die Zukunft gerne noch einmal auf die Höhepunkte der letzten Jahre zurückkommen …

Guder: Ein großes Thema waren natürlich immer wieder Fragen rund um die Gebinde. Dass wir das schon in der Zeit von Bundesumweltminister Klaus Töpfer als Sanktionsinstrument eingeführte gesetzliche Pflichtpfand gegen erhebliche Widerstände durchsetzen konnten, macht mich schon stolz. Oder die Einführung der Bepfandung von Fässern, die wir zusammen mit den Verbänden der Brauer erreicht haben, wodurch die Warenströme viel besser gelenkt werden können.

2011 dann haben wir die Beschlussfassung zur europäischen Abfallhierarchie erfolgreich begleiten können, deren Grundsatz „Vermeidung vor Verwertung“ lautet und noch heute gilt. Egal wie gut Einweg recycelt wird: Es bleibt ein Abfallverwertungskreislauf, während es sich bei Mehrweg um einen Abfallvermeidungskreislauf handelt.

Reinsberg: Eine Geschichte habe ich seinerzeit von der Brauerei-Seite aus erlebt: 2013 gab es die politische Idee, jeglichen Austausch von Paletten der Umsatzsteuer zu unterwerfen. Günther Guder hat damals allen Betroffenen erst einmal klarmachen müssen, dass das irrwitzige Folgen hätte. Der Verband hat damals – wie gewohnt – schnell und prägnant gehandelt und das Vorhaben im Schulterschluss mit wafg, Coca-Cola und dem Deutschen Brauer-Bund als „bürokratisches Monstrum“ nachdrücklich kritisiert. Das Finanzministerium legte die Pläne danach glücklicherweise ad acta.

Getränke News: Wie hat sich denn Lobbyarbeit ganz allgemein in den letzten zwei Jahrzehnten verändert?

Guder: Alles ist schneller geworden. Wir müssen die vielen Informationen, die reinkommen, ganz schnell sichten, sie auf die Relevanz für unsere Organisation abchecken und reagieren. Als ich beim Verband angefangen habe, war ja nur das Thema Mehrweg vertieft bearbeitet. Wir haben dann nach und nach ein Stufenkonzept aufgebaut. Fragen, die zwar wichtig, aber nicht existenziell für den GFGH sind, werden von unserem Spitzenverband bearbeitet. Wenn es existenziell wird, steigen wir selber in den Sattel.

Ich nenne mal ein Beispiel: Es gibt beim Spitzenverband einen Verkehrsausschuss, der viele Dinge für uns mitregelt. Bei zwei Themen sind wir aber ausgebrochen: bei der 44-Tonnen-Initiative und – früher bereits – beim Berufskraftfahrer-Qualifikationsgesetz.

Wer beruflich einen Lkw lenkt, muss alle fünf Jahre mindestens fünf Tage auf eine Schulung. Gedacht war bei dem Gesetz eher an den internationalen Verkehr. Wir haben aber, gerade im ländlichen Raum, viele Fahrer, die gar nicht so lange hinterm Lenkrad sitzen, sondern viele andere Aufgaben erfüllen. Ihre Arbeit ähnelt eher der von Handwerkern – und für Handwerker gibt es Ausnahmen.

Ich habe zwei Jahre lang immer wieder Gespräche auf europäischer Ebene bei der EU-Kommission und im Europäischen Parlament geführt. Jetzt gibt es eine neue Richtlinie, über deren Inhalte und Ausnahmen mit der Politik in Deutschland noch zu reden sein wird.

Reinsberg: Gesetze sind ja auch oftmals recht allgemein gefasst. Denken Sie zum Beispiel mal an Aspekte des Verpackungsgesetzes, das ab 2019 greift. Das Gesetz besagt unter anderem, dass Einweg und Mehrweg im Handel klar gekennzeichnet werden müssen. Es ist nicht klar definiert, wo das Schild stehen muss: Reicht ein Hinweis an der Ladentür oder muss das an jedem Regal gekennzeichnet sein?

Hier hat der Verband eine klare Benachteiligung des GFGHs als Betreiber von Getränkefachmärkten gegenüber den Discountern gesehen, wo es unter Umständen gereicht hätte, einen Hinweis an der Tür anzubringen, dass es dort nur Einweg gibt. Hier konnten wir mit dem Bundesumweltministerium einen Konsens zur Vereinfachung erzielen. Dem folgten dann zahlreiche Gespräche mit den Umweltministerien der Länder, in denen wir dafür geworben haben, das Gesetz bundesweit entsprechend den Absprachen mit dem BMU einheitlich umzusetzen.

Getränke News: Wo sehen Sie denn für die nähere Zukunft die größten Herausforderungen?

Guder: Ein Riesen-Thema ist die Logistik. Da sind alle Systeme auf Kante genäht. Wenn nicht alle Beteiligten – vom Hersteller, über den LEH bis zum Fachhandel – auf ein besseres Miteinander hinarbeiten, fliegt das System irgendwann auseinander.

Reinsberg: Ja, die logistischen Ströme können sich nicht mehr weiterentwickeln wie in den letzten Jahren; solche Wachstumsraten sind nicht mehr möglich. Überall fehlen Fachkräfte und vor allem Fahrer. Wir müssen uns dringend fragen, wie wir die Jobs im Fachhandel attraktiver gestalten können. Wie können wir neue Mitarbeiter gewinnen und diese langfristig an die Unternehmen und einen attraktiven Arbeitsplatz binden?

Der GFGH ist ja mit dem Problem nicht allein, sehr viele andere Industrie- und Handelszweige sind betroffen. Hier steht der GFGH im Wettbewerb zu Branchen, die Mitarbeiter teilweise besser entlohnen können, so dass Abwerbungen keine Seltenheit sind.

Guder: Etwas Entlastung könnte es bringen, wenn die „Initiative 44 Tonnen“ erfolgreich wäre. Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, in denen das zulässige Gesamtgewicht von Lkw auf 40 Tonnen begrenzt ist. Die Politik argumentiert vor allem, dass unsere Straßen 44 Tonnen nicht verkraften. Dabei fahren alle anderen – Niederländer, Polen usw. – mit dem höheren Gewicht bei uns durch. Wenn das Höchstgewicht angehoben würde, könnte man einige Fahrten sparen.

Getränke News: Wie sieht es denn an der „Gebinde-Front“ aus? Die Einweg-Lobby wird ja immer lauter…

Reinsberg: Andererseits spielt uns aber die derzeitige Plastik-Diskussion in die Karten. Immer mehr Leute bevorzugen Glas. Neben der besseren Umweltverträglichkeit sind Glasflaschen ja auch geschmacksneutral und gelten als gesündere Verpackungsalternative. Es ist augenblicklich die richtige Zeit für ein klares Bekenntnis zu Mehrweg, ja für eine Neupositionierung.

Guder: Auch der Trend zu Individualflaschen gerät jetzt an seine Grenzen. Da konnte sich inzwischen jeder austoben, es sind eigentlich keine neuen Gebinde mehr notwendig. Zudem gab es bei Individualflaschen in diesem Jahr auch Lieferengpässe. Obwohl die Dienstleistung der Flaschensortierung – wie sie etwa Trinks und weitere 50 GFGHs sowie das Logipack-System umfassend erledigen – schon unnötige Transporte erspart.

Reinsberg: Womit wir wieder beim Thema Logistik wären. Die Probleme beim Transport von Voll- und Leergut kann kein Hersteller für sich allein lösen, hier bedarf es unserer Ansicht nach einer gemeinsamen Lösung und Einigung auf einheitliche Standards ebenso wie auf ein funktionierendes Poolmanagement.

Getränke News: Herr Guder, können Sie sich überhaupt einen Ruhestand ohne diese Themen vorstellen?

Guder: Na ja, ich steige ja noch nicht ganz aus, sondern bleibe Vorstand von Pro Mehrweg. Auch die Geschäftsführung wird zukünftig in meinen Händen liegen. Bisher habe ich das ja als Chef des GFGH-Bundesverbands mit gemacht. Die Konzentration darauf gibt uns jetzt auch die Gelegenheit, den Verein als neutrale Plattform zu positionieren. Pro Mehrweg wird dann übrigens auch wieder in der BV-Geschäftsstelle Düsseldorf angesiedelt. Eine Berliner Adresse ist ebenfalls im Gespräch.

Wir sind sicher, dass wir Pro Mehrweg auch für viele andere attraktiver machen können, die den Nutzen von Mehrweg kennen oder erkennen – vom Hersteller von Mehrweg-Gemüsekisten über Flaschenhersteller bis zum Craftbrauer. Mit einer breiten Mitgliedschaft ließe sich auch die finanzielle Ausstattung verbessern. Zudem kann ich mir gut vorstellen, dass unsere Arbeit auch von Verbrauchern gewürdigt und unterstützt würde.

Getränke News: Noch ökologischer wäre ja Leitungswasser – kleiner Scherz …

Guder: Ach, hören Sie auf, da hat sich die Bundesumweltministerin ganz schön vergaloppiert. Aufbereitetes Leitungswasser kann man doch mit dem staatlich anerkannten Lebensmittel Mineralwasser – natürlich möglichst in Mehrweg-Verpackungen – gar nicht vergleichen.

Reinsberg: Das ist auch so ein Thema, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Da haben wir dem Mineralwasserverband VDM unsere Zusammenarbeit angeboten.

Getränke News: Offenbar geht Ihnen die Arbeit nicht aus. Und wie geht es jetzt konkret an der Verbandsspitze weiter?

Guder: Bei unserer Delegiertentagung im Februar wird ein neuer Beiratsvorsitzender gewählt, denn Peter Sagasser gibt die Position ab und wird nur noch als Stellvertreter fungieren. Dirk Reinsberg wird dann sukzessive meine Aufgaben übernehmen. Auch beim europäischen GFGH-Verband Cegrobb, dessen Präsident ich seit 2011 bin, wird es 2019 nach Ablauf meiner zwei Amtsperioden im Mai Neuwahlen geben.

Getränke News: National wie international steht die Branche weiterhin unter Druck. Wird die Bedeutung der Verbände also weiterhin zunehmen?

Reinsberg: Ja. Wir brauchen Brückenbauer, die alle Teilnehmer der Branche zusammenbringen, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen.

 

Unsere Gesprächspartner

„Wir brauchen Brückenbauer“ 3
Günther Guder (links) und Dirk Reinsberg

Günther Guder (66) begann seine Karriere 1978 als Prokurist bei der Brau-Ring Kooperation. Es folgten verschiedene Führungspositionen in Öffentlichkeitsarbeit und Marketing beim Einbecker Brauhaus, der Licher Privatbrauerei und bei Dinckelacker.

1996 wurde der Diplombetriebswirt Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Vereins Pro Mehrweg, gleichzeitig trat er als Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband des Deutschen Getränkefachgroßhandels an.

Mit dem Abschluss der Neustrukturierung und Zentralisierung des Bundesverbands wurde er 2004 dessen alleiniger geschäftsführender Vorstand. Im selben Jahr übernahm er auch als Vizepräsident Verantwortung beim Cegrobb, dem Zusammenschluss der Verbände des GFGHs auf europäischer Ebene. Seit 2011 steht er diesem als Präsident vor.

Dirk Reinsberg (49) startete seine berufliche Laufbahn nach dem Studium der Rechtswissenschaften als Vertriebsjurist beim Brauhaus Jever. Im Zuge des Verkaufs an die Radeberger Gruppe wechselte er 2011 nach Frankfurt und übernahm die Position des Geschäftsführers der RG Service- und Verwaltungsgesellschaft. Seit 2013 leitete er den Vertriebssupport Gastronomie des Konzerns.

2017 begann Reinsberg als Justiziar beim GFGH-Bundesverband, 2018 wurde er dessen Geschäftsführer. Im Schulterschluss mit Günther Guder bereitet er sich seitdem auf die Arbeit an der Spitze des Verbands vor, dessen Führung er 2019 übernehmen wird.

 

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