Der Kampf um Fach- und Führungskräfte ist auch in der Getränkewirtschaft längst Realität. Unternehmen müssen neue Wege gehen, um Kandidaten zu gewinnen und zu halten. Jochen Etter kennt die Branche aus dem Effeff: Nach Stationen bei Karlsberg und Heineken gründete er 2014 die Personalberatung Etter & Partner. Im Interview mit Getränke News spricht er über technologische Treiber, die wachsende Bedeutung von Unternehmenskultur und erklärt, warum Wertschätzung für ihn das wichtigste Kriterium ist.

Getränke News: Wie hat sich die Suche nach Fach- und Führungskräften in der Getränkeindustrie in den letzten Jahren verändert?
Etter: Inhaltlich hat sich die Suche gar nicht so stark verändert – mit einer wichtigen Ausnahme: Die Technologie entwickelt sich heute deutlich schneller. Künstliche Intelligenz etwa wird mittlerweile intensiv genutzt, das war vor ein paar Jahren noch kein Thema. Entscheidend ist heute nicht mehr allein die fachliche Ausbildung oder der Studienabschluss, sondern ob Kandidatinnen und Kandidaten mit den technologischen Veränderungen Schritt halten.
Auch die Art der Suche hat sich gewandelt: Früher konnte man mit klassischen Anzeigen viele Bewerbungen erzielen – vor allem, wenn das Unternehmen eine starke Marke hatte. Heute reicht das nicht mehr. Unternehmen müssen aktiv auf Kandidatinnen und Kandidaten zugehen und gezielt suchen. Mit einer Anzeige erreicht man schließlich nur diejenigen, die gerade aktiv auf Jobsuche sind.
Getränke News: Warum haben Sie sich bei Ihrer Beratung so klar auf die Getränkebranche spezialisiert?
Etter: Diese Ausrichtung hat viel mit meiner eigenen Vergangenheit zu tun. Ich war zuvor elf Jahre bei Karlsberg und anschließend vier Jahre bei Heineken tätig – und habe mich in der Getränkebranche immer sehr wohlgefühlt. Schon damals habe ich gesehen, dass es durchaus Personalberater gab, die punktuell auch mit der Branche gearbeitet haben. Bei unserer Firmengründung war es ein klares Alleinstellungsmerkmal, dieses Feld strategisch in den Mittelpunkt zu stellen.
Leidenschaft, Erfahrung und ein starkes Netzwerk sind die Basis dafür. Heute – elf Jahre später – profitieren wir von dieser Spezialisierung enorm. Gleichwohl nehmen wir attraktive Mandate auch dann an, wenn sie einmal nicht aus der Getränkeindustrie kommen.
Getränke News: Welche Kriterien sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit eine Stellenbesetzung langfristig funktioniert?
Etter: Oft achten Auftraggeber sehr stark darauf, ob eine Kandidatin oder ein Kandidat fachlich exakt passt. Dabei wird aber das Potenzial unterschätzt – also ob jemand die Fähigkeit und Motivation mitbringt, in eine Aufgabe hineinzuwachsen. Ebenso wichtig ist, ob jemand zu den Werten, zur Strategie und zur Philosophie des Unternehmens passt. Genau in dieser Kombination liegt für mich der Schlüssel zu einer wirklich erfolgreichen Besetzung.
Getränke News: Sie sprechen davon, die Zukunft der Branche „mit Leidenschaft“ gestalten zu wollen. Wie prägt dieses Leitbild Ihre Beratungskultur?
Etter: Von Beginn an war mir wichtig, dass sowohl wir selbst als auch die Menschen, die wir in unserem eigenen Unternehmen einstellen, Leidenschaft mitbringen – für Menschen, für die Getränkebranche und für das, was sie tun. Denn wir arbeiten für Menschen und mit Menschen. Wir beeinflussen Karrieren und damit auch Schicksale.
Damit das gelingt, geben wir unserem Team die Freiheit, selbst zu entscheiden, wann und wo sie arbeiten. Das Ergebnis: Sie sind engagiert, präsent und übernehmen Verantwortung. Unser oberstes Ziel ist es zudem, allen Kandidatinnen und Kandidaten eine positive Erfahrung zu ermöglichen – auch denjenigen, die wir am Ende nicht vermitteln können. Auch eine Absage muss respektvoll und wertschätzend sein.
Getränke News: Ein Schwerpunkt bei Ihrer Arbeit liegt auf Diversity. Wie stellen Sie sicher, dass Frauen in Ihren Projekten faire Chancen erhalten?
Etter: Wir stellen ganz bewusst auch Frauen vor – selbst dann, wenn ein Auftraggeber von Beginn an signalisiert, dass er die Position mit einem Mann besetzen möchte. Damit haben wir bereits mehrfach gute Erfahrungen gemacht. Ein Beispiel: Zunächst wollte ein Kunde keine Frau in einem bestimmten Mandat berücksichtigen. Doch wir haben eine Kandidatin ins Gespräch gebracht – und am Ende hat er sich für sie entschieden.
Darüber hinaus achten wir sehr genau auf die Sprache in unseren Positions- und Anforderungsprofilen. Begriffe wie „strategisch“ sind eher männlich geprägt. Wir achten deshalb darauf, neutral oder auch weiblich formulierte Eigenschaften zu verwenden – zum Beispiel „teamfähig“. Zudem schreiben wir die Anforderungen im Fließtext und nicht als lange Liste von Bulletpoints. Frauen sind erfahrungsgemäß kritischer: Wenn sie acht Anforderungen lesen und nur zwei davon nicht erfüllen, gehen sie oft nicht in den Prozess. Männer dagegen trauen sich eher zu, alles abzudecken. Mit einer durchdachten Sprache senken wir diese Hürde und machen Stellenprofile attraktiver für Frauen.
Getränke News: Sie setzen KI-gestützte Assessments ein. Wie verändert das Ihre Prozesse?
Etter: Insgesamt macht es die Abläufe einfacher. Kandidatinnen und Kandidaten benötigen nur maximal zehn Minuten und die Ergebnisse sind sehr treffsicher. Auch unsere Datenverwaltung läuft komplett digital, was vieles beschleunigt.
Aber: Alles, was die Persönlichkeit betrifft, klären wir nach wie vor im persönlichen Austausch. Und auch unsere Kandidatenberichte lassen wir nicht von einer KI schreiben. Diese Formulierungen mögen auf den ersten Blick professionell wirken – doch oft transportieren sie nicht das, was wir tatsächlich sagen wollen.
Getränke News: Manchmal bringen Kandidaten aus anderen Branchen frischen Wind. Haben Sie dafür ein Beispiel?
Etter: Gerade in der Getränkebranche wünschen sich Unternehmen häufig jemanden, der bereits aus der Branche kommt. In vielen Fällen ist das aber gar nicht entscheidend. Ein aktuelles Beispiel: Wir haben im Bereich Technik einen Geschäftsführer für mehrere Werke besetzt – einen Kandidaten, der nicht aus der Getränkeindustrie stammt.
Seine Aufgabe besteht darin, die Werke strategisch zu führen, Prozesse zu steuern und die übergeordnete Verantwortung zu übernehmen. In jedem Werk gibt es schließlich eigene Werkleiter, die sich mit den Anlagen und den Produktionsprozessen vor Ort bestens auskennen. Für die Position war deshalb nicht das spezifische Branchenwissen ausschlaggebend, sondern vielmehr die Fähigkeit, komplexe Abläufe zu koordinieren und strategisch zu denken. Genau diese Stärke hat der Kandidat aus seiner bisherigen Branche mitgebracht – und das war am Ende ein großer Gewinn für das Unternehmen.
Getränke News: Welche Rolle spielt heute das Gehalt – und was ist jungen Menschen wichtiger?
Etter: Die Bedeutung des Gehalts ist geringer geworden – genauso wie klassische Benefits wie ein Firmenwagen. Gerade für jüngere Kandidatinnen und Kandidaten spielen diese Themen eine deutlich kleinere Rolle. Natürlich muss das Gehalt passen, aber wichtiger sind heute Unternehmenskultur, gelebte Werte und eine gute Work-Life-Balance.
Wir hatten zum Beispiel kürzlich eine Suche im Marketing. Obwohl wir zusätzlich ein Auto anbieten konnten, sagten viele: „Brauche ich nicht.“ Stattdessen sind Wertschätzung, Freiheiten und flexible Arbeitsmodelle die entscheidenden Faktoren. Manche Unternehmen bieten sogar unbegrenzten Urlaub an – sicher ein extremes Modell, das aber zeigt, wie wichtig Eigenverantwortung heute ist.
Getränke News: Welchen Rat würden Sie einem mittelständischen Unternehmen geben, das im Wettbewerb um Talente Boden verliert?
Etter: Entscheidend sind Transparenz, Authentizität und Wertschätzung. Eine gute Führungskultur und gelebte Werte sind das Fundament, um gute Leute zu halten. Der Führungsstil ist dabei das wichtigste Kriterium. Denn Wechselbereitschaft entsteht fast immer dann, wenn es in der Führungskultur hakt – wenn Wertschätzung fehlt, Informationen zurückgehalten werden oder Mitarbeiter nicht eingebunden sind.
Im Wettbewerb um Kandidatinnen und Kandidaten gilt dasselbe: Auch sie wollen ja ernst genommen werden. Wer sie beim Vorstellungsgespräch erst einmal lange im Empfangsbereich warten lässt, sendet ein falsches Signal: fehlende Wertschätzung. Und was oft vergessen wird: Offenheit und Transparenz im Prozess. Unternehmen sollten nicht nur ihre positiven Seiten darstellen, sondern klar sagen, was die neuen Mitarbeiter tatsächlich erwartet. Denn viele suchen ja gerade die Herausforderung.
Getränke News: Mit Blick nach vorn: Erwarten Sie, dass der Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte noch härter wird?
Etter: Er wird härter, keine Frage. Der Fachkräftemangel ist Realität. Aber ich bin optimistisch: Unternehmen, die offen, ehrlich und wertschätzend auftreten, werden auch in Zukunft die richtigen Kandidaten für sich gewinnen. Am Ende ist die Wertschätzung das A und O.


























































































