In ihrem jüngsten Test hat die Stiftung Warentest Zitrus-Limonaden unter die Lupe genommen – und dabei Prüfkriterien angewendet, die in der Branche teilweise kritisch gesehen werden. Darüber und über die aktuellen Trends am AfG-Markt sprach Getränke News mit Dr. Detlef Groß, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (wafg).

Getränke News: Ein Hauptkritikpunkt der Stiftung Warentest sind „überzuckerte Rezepturen“. Dabei ist doch das Süße gerade das Charakteristische an Limonaden – das, was Verbraucher erwarten. Wie sollten Hersteller reagieren?
Groß: Der Test verdeutlicht zunächst: Es gibt eine große Vielfalt an Limonaden mit unterschiedlichen Geschmacksausrichtungen und Süßungskonzepten. Genau das schätzen Verbraucherinnen und Verbraucher. Das insofern schwierige Vorverständnis der Stiftung Warentest wird deutlich, wenn diese vor allem den Eindruck vermittelt, ausschließlich Wasser sei zu präferieren. Limonaden stehen für erfrischende Geschmackserlebnisse und Genuss – und nicht umsonst werden Erfrischungsgetränke traditionell auch als Süßgetränke bezeichnet.
Übrigens stammt der enthaltene Zucker bei vielen Limonaden aus zum Teil hohen Saftbestandteilen – darauf weist die Stiftung aber im Test nicht hin und klärt auch in TV-Formaten dazu nicht auf, wenn wieder einmal bildlich die Stapel Zuckerwürfel aufgetürmt werden.
Getränke News: Wie denken denn Ihre Mitglieder über den Test?
Groß: Viele Unternehmen, auch solche, die nicht selbst getestet wurden, haben uns ihre Verwunderung über die Testkriterien gespiegelt. Denn gerade unsere Kategorie gehört seit vielen Jahren zu den innovativsten in der gesamten Lebensmittelwirtschaft. Dabei stehen seit vielen Jahren auch kalorienreduzierte und -freie Varianten im Fokus. Anbieter orientieren sich danach, was Konsumenten tatsächlich wünschen und was am Markt ankommt.
Die Stiftung Warentest würde vermutlich auch nicht Marmorkuchen mit Butterkeksen oder mit Sahnetorte vergleichen – jedenfalls würde sich jeder wundern, wenn die Maßstäbe des einen Produkts für das andere herangezogen würden. Wasser ist hier für Limonaden einfach der unzutreffende Maßstab.
Ohnehin setzt die Stiftung Warentest im vorliegenden Test höchst eigene Maßstäbe – nicht nur, vor allem aber bei der Geschmacksbewertung. Die zugrunde liegende sensorische Bewertung darf man mit Blick auf die Repräsentativität durchaus hinterfragen. Die Bewertungen lassen sich nur schwer verallgemeinern, denn Geschmack ist bekanntlich und Gott sei Dank immer subjektiv.
Nicht zuletzt werden bei den Abwertungen teilweise selbst festgelegte Kriterien freihändig herangezogen, wobei die nachvollziehbare Einordung zur Relevanz und in einigen Fällen zu den gesetzlichen Vorgaben fehlt.
Getränke News: Erstmals haben die Tester Süßstoffe kritisch bewertet und beurteilen damit gesüßte Produkte bestenfalls mit „befriedigend“. Als Hauptgrund wird angegeben, Verbraucher würden durch ihren Konsum den süßen Geschmack oft auch in anderen Lebensmitteln bevorzugen. Gesetzlich vorgeschriebene Höchstmengen wurden allerdings bei keinem Produkt überschritten. Ist die Stiftung Warentest damit noch eine unabhängige Prüfinstanz?
Groß: Diese Vorgehensweise halten wir tatsächlich für mehr als fragwürdig. Auch diese beruht offensichtlich nicht auf objektiven Kriterien, sondern einem bestimmten Verständnis zum Thema Geschmack. Hier bleibt die generelle Frage, ob eine solche Ausrichtung in einem Produkttest von Limonaden – die klassische Kategorie bei Süßgetränken – als Maßstab tatsächlich eine geeignete Bewertungsgrundlage sein kann.
Der Einsatz von Süßstoffen in der Kategorie ist relevant, da viele Verbraucherinnen und Verbraucher gezielt kalorienärmere Alternativen erwarten. Selbstverständlich sind alle in der EU zugelassenen Süßstoffe und Zuckeraustauschstoffe umfassend geprüft und sicher.
Es bleibt eine Inkonsequenz, dass Verbraucherschützer oft weniger Kalorien bzw. Zucker in der Kategorie fordern, zugleich aber massiv gegen Süßungsmittel agitieren.
Getränke News: Wie beurteilen Sie aktuell den Markt für alkoholfreie Getränke? Welche Segmente wachsen, und wo könnte es besser laufen? Was ist vielversprechend für die nähere Zukunft?
Groß: Der Markt für alkoholfreie Getränke bleibt vielfältig und stabil. Die Branche ist bekannt für Innovationen, die sich in der großen Bandbreite an Produkten widerspiegeln. Ebenso behalten Aspekte wie Regionalität, funktionale Zusätze oder neue Geschmacksrichtungen eine Rolle.
Weiterhin ein klarer Trend bleiben kalorienreduzierte und -freie Varianten, welche 2024 nach den Marktdaten des Statistischen Bundesamtes einen deutlichen Zugewinn bei den Marktanteilen verzeichnen. Das ist insbesondere auf leichte Cola und Cola-Mischgetränke zurückzuführen.
Getränke News: Welche politischen oder regulatorischen Entwicklungen bereiten Ihnen derzeit die größten Sorgen – und was fordern Sie von der Politik?
Groß: Unsere Branche – wie viele andere – hofft derzeit auf Planbarkeit und Verlässlichkeit. Aufgaben wie Dekarbonisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel oder die Sicherung von Fachkräften und die Zukunftssicherung der Sozialsysteme erfordern langfristige Strategien. Gefordert sind politische Rahmenbedingungen, auf die man sich verlassen kann – mit richtigen und klaren Prioritäten. Mehr denn je gilt das für die EU-Ebene.
Nicht alles, aber vieles würde zielführender, wenn zukünftig wieder Sachverstand und Augenmaß den Vorrang vor ideologisch eingefärbtem Vorverständnis gewinnen. Der faktenbasierte, lösungsorientierte Dialog zwischen Politik und Wirtschaft muss revitalisiert werden. Es geht um Notwendigkeit und Umsetzbarkeit statt Wünschen à la Wolkenkuckucksheim. Auch unsere Brache benötigt einen Standort, der international wettbewerbsfähig bleibt.
Getränke News: Und was Ihre Branche konkret betrifft?
Groß: Ganz konkret beschäftigt uns die neue europäische Verpackungsregulierung PPWR. Aktuell debattiert wird über den unglücklich gewählten unterjährigen Geltungsbeginn. Aber es ist viel komplexer, denn viele grundlegende und zentrale Fragen zur praktischen Anwendung sind offen – das reicht vom Thema QR-Code am Produkt bis zum Bereich Transportverpackungen. Umso wichtiger ist, dass nach intensiven Verhandlungen auf EU-Ebene die etablierten Einweg- und Mehrwegsysteme in Deutschland abgesichert werden konnten. Der Entwurf der EU-Kommission hatte insofern ernsthafte Bedenken ausgelöst.
Getränke News: Wie muss sich die Branche mittelfristig auf junge Zielgruppen einstellen? Was bedeutet ihr verändertes Konsumverhalten für Klassiker wie Limonade oder Cola?
Groß: Limonade, Cola, Schorle oder Near-Water werden weiter einen festen Platz im AfG-Segment behaupten. Derzeit geht der Trend eher weg von alkoholischen Getränken hin zu alkoholfreien Angeboten mit genussvollen Geschmackserlebnissen. Ein funktionierender Wettbewerb und Innovationskraft sind eine gute Ausgangslage, um auch die Erwartungen junger Zielgruppen zu erfüllen.
Im Übrigen wissen unsere Unternehmen um ihre gesellschaftliche Verantwortung. Daher gibt es für uns klare Spielregeln und Grenzen bei der gezielten Ansprache von Kindern. Als Verband haben wir ebenso wie unser EU-Dachverband Unesda deshalb klare Standards für ein verantwortungsvolles Marketing entwickelt.
Getränke News: Laut Marktforschung legen immer mehr – insbesondere jüngere – Konsumenten Wert auf eine gesunde Ernährung – auch mit weniger Zucker. Wie passt dazu das anhaltende Wachstum der Cola-Mix-Getränke, die auch sehr süß sind und zudem von ihrer Historie und der Anmutung her eher zur Generation der Babyboomer passen?
Groß: Cola-Mix-Getränke gibt es in großer Vielfalt – von Brauereien, klassischen AfG-Anbietern oder Mineralbrunnen. Dass bei Spezi – hier im Sinne der Produktgattung – diverse Rechtsverfahren immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen, ist eher ein mediales Thema. Wichtiger ist, dass die übliche Mischung fruchthaltiger Orangenlimonade mit Cola-Erfrischungsgetränk einfach vielen schmeckt. Dabei gibt es auch hier weniger süße oder weniger kalorische Varianten.
Getränke News: Der Trend wird derzeit eher von Brauereien getrieben, die sich angesichts des sinkenden Bierabsatzes ein weiteres Standbein schaffen wollen, und nicht von der AfG-Branche …
Groß: Die Erkenntnis, dass Brauereien, Mineralbrunnen und Safthersteller zunehmend Erfrischungsgetränke herstellen, trifft nicht nur bei Spezi zu. Auch hier gilt: Fairer Wettbewerb ist gut, und die Frage, was schmeckt, beantwortet am besten weiterhin jeder für sich.


























































































