Explodierende Kosten, rückläufiger Alkoholkonsum, ruinöser Preisverfall: Die Weinbranche geht durch historisch schlechte Zeiten. Manche Experten sprechen von der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Zwar sank der Absatz deutscher Weine bereits in den letzten Jahren kontinuierlich, inzwischen hat sich aber die Lage vieler Betriebe dramatisch zugespitzt. So dramatisch, dass die Probleme in einer breiten Öffentlichkeit angekommen sind.
Für Medieninteresse sorgte zuletzt Anfang September ein Treffen von Branchenvertretern mit Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer, der die extremen Belastungen bestätigte und dem Sektor die Unterstützung des Bundes zusicherte. Richtig Wirbel machte allerdings in den letzten Monaten die im Frühjahr neu gegründete „Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau“, die sich mit einem verzweifelten Appell an die Öffentlichkeit wandte – mit der Horrornachricht, in den nächsten Monaten drohe der Hälfte der Winzerbetriebe in Deutschland die Pleite.
Zwar wird kaum ein Experte leugnen, dass die Lage wirklich extrem und für viele existenzbedrohend ist, dennoch handelten sich die Initiatoren mit ihrem Vorstoß auch Kritik ein – weil sie bei diesen Zahlen vermutlich stark übertrieben, Maßnahmen vorschlugen, die viele nicht mittragen würden und, nicht zuletzt, die eigenen Verbände öffentlich massiv angriffen. Zugutehalten muss man ihr allerdings, dass sie es geschafft hat, das Thema stärker als je zuvor auf die Agenda zu bringen.
Angebot übersteigt Nachfrage bei weitem
Doch zunächst zur Ausgangslage, die unter Experten unbestritten als außergewöhnlich schwierig eingestuft wird. Das Besondere der derzeitigen Krise sei ihre Mehrdimensionalität, erläutert Prof. Dr. Simone Loose, Leiterin des Instituts für Wein- und Getränkewirtschaft der Hochschule Geisenheim, auf Anfrage von Getränke News. Massiv gestiegene Produktionskosten, der allgemeine Rückgang des Alkoholkonsums und die demografische Entwicklung seien Faktoren, die sich überlagerten und zu einem „gravierenden Ungleichgewicht“ führten, so Loose: „Die Produktionsmengen übersteigen den Konsum derzeit um rund 30 Prozent.“
Besonders stark betroffen sind dabei Winzer, die schwerpunktmäßig auf die Vermarktung von Fasswein setzen, denn in diesem Geschäft sind die Preise aufgrund des Überangebots so stark gefallen, dass sie oft nicht einmal die variablen Kosten decken, erst recht nicht die Vollkosten. Wie die Zukunftsinitiative beklagt, sank der Großhandelspreis für Fasswein 2024 auf 40 bis 60 Cent pro Liter – bei Produktionskosten von 1,20 Euro. An Wertschöpfung ist in diesem Marktsegment also im Allgemeinen gar nicht zu denken.
Moralische Appelle eher kontraproduktiv
Der düsteren Prognose bezüglich einer Pleitewelle binnen weniger Monate möchten die Fachleute aus Geisenheim der Initiative dennoch nicht zustimmen. „Wir gehen davon aus, dass in den kommenden fünf bis 15 Jahren mehr als die Hälfte der Weinbaubetriebe aufgeben wird“, sagt Dr. Larissa Strub, Projektleiterin Unternehmensanalyse am Institut von Prof. Loose. Allerdings sei ein schneller Rückgang in so kurzer Frist nicht zu erwarten.
Sie hält auch den jüngsten Vorstoß der Zukunftsinitiative nicht für zielführend; die Gruppe hatte die deutschen Verbraucher dazu aufgefordert, pro Kopf und Jahr eine zusätzliche Flasche deutschen Wein anstelle einer importierten zu kaufen, um die Branche zu unterstützen.
Es sei zwar „absolut nachvollziehbar, dass viele Betriebe in dieser Situation nichts unversucht lassen möchten“, diese Idee werde aber die Probleme nicht lösen. „So einfach funktioniert der Markt leider nicht“, wendet Strub ein. „Konsumenten lassen sich weder durch moralische Appelle noch durch Mitleidsmarketing dauerhaft gewinnen.“ Zuweilen würden solche Ansätze sogar das Gegenteil bewirken.
Weinbauverband weist Vorwürfe zurück
Für Irritation sorgte die Winzergruppe indessen bei den Weinbauverbänden, denen sie im August öffentlich mangelnde Unterstützung vorwarf. Bis vor wenigen Tagen hätten diese eine „schonungslose Offenheit“ abgelehnt und die existenzbedrohende Lage kleingeredet. Man sei dort der Meinung, „nur Schönwetter-Werbung“ funktioniere, so die Kritik.
Der Vorwurf, die Krise kleinzureden, sei für die Branchenvertretung „absolut nicht nachvollziehbar“, betont Christian Schwörer, Generalsekretär des Deutschen Weinbauverbands (DWV), gegenüber Getränke News. Man habe seit Monaten immer wieder klar und deutlich gemacht, dass die Herausforderungen für den deutschen Weinbau „gravierend“ und die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe ernst seien.
Neben den hohen Kosten, dem sinkenden Weinverbrauch und der extremen Preissensibilität des Marktes führt er zusätzlich die Hürden durch Bürokratie und immer neue Dokumentationspflichten sowie den wachsenden internationalen Wettbewerb als Erschwernisse ins Feld – „gekrönt von Strafzöllen im wichtigsten Exportmarkt“. „Diese Realität verschweigt niemand“, so der Verbandschef.
Seit Jahren mit Politik im Dialog
Auch dem Vorwurf, der DWV gehe nicht offensiv mit dem Thema in die Öffentlichkeit, widerspricht Schwörer vehement: „Das Gegenteil ist der Fall: Wir haben schon seit Jahren verbandsintern, aber auch der Politik das Szenario aufgezeigt und frühzeitig zum Handeln aufgefordert.“ Der Verband stehe seit Jahren in engem Austausch mit Mitgliedern und Experten und bringe die Probleme „kontinuierlich und deutlich“ in die politische Diskussion auf Bundes- und Landesebene sowie in Brüssel ein.
Es sei allerdings nicht das Ziel „Schlagzeilen mit zugespitzten Zahlen zu machen“, hält er der Zukunftsinitiative entgegen. Vielmehr gehe es um „nachhaltige Lösungen“, die den Betrieben tatsächlich helfen.
Angesichts des langfristig rückläufigen Marktes sind laut Schwörer politische Maßnahmen unumgänglich, die auf der Angebotsseite die Mengen verringern können. An Flächenreduzierungen wird wohl also kein Weg vorbeigehen – ob dies durch temporäre Brachen oder endgültige Rodungen passiert. Die betroffenen Betriebe müssten dann also nicht ihre gesamte Produktion einstellen, sondern lediglich weniger Fläche bewirtschaften.
Unverschuldet in Liquiditätsproblemen
Tragisch daran: Dies würde insbesondere Betriebe treffen, die in den vergangenen Jahren stark investiert und zusätzliches Personal eingestellt haben, um durch größere Strukturen Skaleneffekte zu erzielen. Darauf weist Prof. Simone Loose von der Hochschule Geisenheim hin. Genau diese Weingüter gerieten nun durch den rückläufigen Absatz und den drastischen Preisverfall in erhebliche Liquiditätsengpässe. Dabei hätten sie „den dringend notwendigen Strukturwandel angestoßen“ und „aus ökonomischer Sicht völlig nachvollziehbar gehandelt“. In dieser prekären Situation brauchten gerade diese Unternehmen dringend Unterstützung, betont auch DWV-Chef Christian Schwörer.
Dringend erforderlich sind aus seiner Sicht sind zudem Maßnahmen, die den Absatz deutscher Weine ankurbeln, was ebenfalls ein zentraler Punkt in den Gesprächen mit Bundeslandwirtschaftsminister Rainer gewesen sei. Vor allem müsse die mit der Reform des Bezeichnungsrechts von 2021 angestoßene Profilierung der deutschen Anbaugebiete möglichst schnell vorangetrieben werden, so Schwörer: „Nur mit der Schaffung von klaren Profilen können wir die Einzigartigkeit von Weinen aus deutschen Anbaugebieten herausstellen und sind nicht austauschbar.“
Mehr Profil statt unüberschaubarer Auswahl
Genau dieser Punkt ist auch Steffen Christmann wichtig, dem Präsidenten des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP). „Für die Vermarktung bräuchte es eine konsequente Konzentration auf profilierte, wiedererkennbare Weine – und nicht eine unübersichtliche Fülle an Varianten“, betont er im Gespräch mit Getränke News und verdeutlicht dies mit einem anschaulichen Beispiel.
„Was soll sich eine Konsumentin in China oder ein junger Konsument in Berlin merken, denen ein Nahe 2024 Kreuznacher Krötenpfuhl Riesling Spätlese trocken Freude bereitet hat? Wenn sie den Wein nachkaufen wollen, werden sie dann wissen, ob eine Nahe 2024 Kreuznacher Krötenpfuhl Scheurebe Spätlese ähnlich schmeckt – oder ein Pfalz 2024 Deidesheimer Herrgottsacker Riesling Qualitätswein trocken“, fragt Christmann rhetorisch – und liefert die Antwort gleich mit: „Die Gefahr ist groß, dass sie entnervt aufgeben und lieber wieder zu Chablis oder Sancerre greifen.“
Die Gründe für diese wenig hilfreiche Kleinteiligkeit sieht er in Versäumnissen der letzten Jahrzehnte: Zu lang habe der Fokus der Branche fast ausschließlich auf dem Inlandsmarkt gelegen und dort auf der Vertriebsschiene der Vollsortimenter. Dem seien die Erzeuger nachgekommen – ohne Rücksicht darauf, ob das zu ihrer eigenen Stärke passe.
Zu lange am Status quo festgehalten
Dabei habe es in den vergangenen 20 Jahren bereits zahlreiche Anläufe gegeben, sich stärker auf Herkunft zu fokussieren, höhere Qualitätsvorgaben zu machen oder auf Profilweine zu setzen, doch trotz der Zustimmung vieler Fachleute sei die Diskussion zwischen den Verbänden „am Ende im Sande verlaufen“, hat der VDP-Chef beobachtet. „Ein Großteil sah schlicht keinen Änderungsbedarf, fand den Status quo gut und wollte weitermachen wie bisher – vor allem ohne Einschränkungen.“
Wie dringlich es inzwischen ist, Veränderungen anzugehen, zeigt ein Blick auf die Erträge im Weinsektor: Laut dem Agrarbericht der Bundesregierung von 2022/23 erzielt ein durchschnittlicher Winzerbetrieb rund 74.000 Euro Gewinn, was bei in der Regel mindestens zwei mitarbeitenden Familienmitgliedern knapp 36.000 Euro pro Arbeitskraft bedeutet. Nach Abzug der Abgaben bleibt – bei einer 50-Stunden-Woche – ein Stundenlohn von 10,56 Euro, wie Steffen Christmann vorrechnet. Das liegt unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn.
Rückgang schneller als prognostiziert
Am Ende ist eines klar: Die Branche wird sich darauf einstellen müssen, dass der Konsumrückgang nicht nur ein vorübergehendes Phänomen ist, sondern den Markt langfristig prägen wird. „Demografische Entwicklungen und gesellschaftliche Trends lassen erwarten, dass die Nachfrage mindestens in den kommenden 20 Jahren weiter sinken wird“, betont Wissenschaftlerin Dr. Larissa Strub. Schon jetzt verlaufe der Rückgang „schneller als von uns prognostiziert“. Die Folge könnte sein, dass in zwei Jahrzehnten nur noch etwa die Hälfte der heutigen Rebfläche vermarktet werden könne.
Vor diesem Hintergrund gilt dann für Winzer auch nichts anderes als für andere Wirtschaftsunternehmen: „Erfolgreiche Betriebe werden sich nur behaupten können, wenn sie zur Kompensation steigender Kosten ihre Umsätze ausbauen, Marktanteile sichern und kontinuierlich neue Kunden gewinnen“, so Strubs Fazit.
























































































