Die Nürnberger GES feiert in diesem Jahr ihr 75-jähriges Jubiläum. Im Gespräch mit Getränke News bekräftigt der Vorstandsvorsitzende Ulrich Berklmeir das Bekenntnis der Genossenschaft zur Konzernunabhängigkeit, spricht über Chancen durch neue Kooperationen und blickt in die Zukunft des mittelständischen Fachhandels.

Getränke News: 75 Jahre nach ihrer Gründung ist die GES eine der wenigen unabhängigen GFGH-Verbundgruppen. Wie lange wird das noch möglich sein?
Berklmeir: Wir haben ein klares Commitment, dass sich langfristig an unserer Unabhängigkeit nichts ändern wird. Die GES bekennt sich zu einem starken und selbstbestimmten Mittelstand; da gehört die Konzernunabhängigkeit unbedingt dazu, sie liegt im Wesen unserer Genossenschaft.
Getränke News: Es gibt ja Gründe, warum andere Verbundgruppen Kooperationen mit Konzernen geschlossen haben …
Berklmeir: Ja, die Unabhängigkeit muss man sich auch leisten können. Die finanziellen Voraussetzungen, die wir uns über viele Jahre hinweg geschaffen haben, garantieren das. Die GES ist – über die Zentralregulierung hinaus – breit aufgestellt. Denken Sie an unsere Beteiligungsgesellschaften oder unsere Digitalisierungslösungen.
Mit dem Bremer Spirituosen Contor und dem Schokoring beispielsweise erwirtschaften wir 280 Millionen Euro Umsatz und sind damit der größte Spirituosenfachhändler Deutschlands. Wir sind also auch Unternehmer. Das stützt unser Kerngeschäft und ist die Lebensversicherung für die GES.
Getränke News: Getränke Hoffmann und Edeka haben kürzlich eine Kooperation für einen gemeinsamen Einkauf vereinbart. Hoffmann wird damit noch bessere Konditionen erhalten. Haben Sie auch schon mit der Edeka gesprochen?
Berklmeir: Klares Nein! Wir sind eine Genossenschaft mit selbständigen Mitgliedern und verfolgen unsere eigene Strategie. Die Kooperation Hoffmann/Edeka sollte für die Getränkehersteller ein weiterer Weckruf sein! Sie beklagen ständig ihre Abhängigkeit vom Lebensmitteleinzelhandel, reagieren aber nicht ausreichend darauf. Dann passiert eben so etwas.
Und da kommen dann wir ins Spiel. Mit uns und unseren Fachhändlern kann man partnerschaftlich zusammenarbeiten. Heute sind über 90 Prozent der größten filialisierten Getränkefachmarktbetreiber GES-Mitglieder. Je tiefer ein Händler ins Sortiment geht, umso relevanter werden unsere Angebote. Aber natürlich müssen auch die Eckartikel von der Industrie fair und wettbewerbsfähig kalkuliert sein. Daran arbeiten wir intensiv. Es geht um Win-win-Situationen für Fachhandel und Industrie.
Getränke News: In Sachen Gastronomievermarktung haben Sie Anfang des Jahres zusammen mit der Gekopa das Joint Venture Geskopa gegründet. Was sind die Gründe für die Kooperation?
Berklmeir: Wir profitieren davon, dass die Gekopa seit jeher stark in der Gastronomie-Vermarktung ist, das müssen wir nicht alles neu erfinden. Viele unserer Mitglieder sind traditionell vor allem im Wein- und Spirituosengeschäft unterwegs. Neu ist, dass wir durch die Kooperation nun auch Gastro-Umsätze mit bedeutenden AfG- und Bierherstellern zentral verhandeln und mit vermarkten können. Das zeigt, dass die GES sich auch im Mehrweggeschäft weiterentwickelt. Durch die Partnerschaft mit der Gekopa können wir deutlich bessere Konditionen erzielen.
Getränke News: Wie ist die Zusammenarbeit angelaufen?
Berklmeir: Wir konnten schon sehr gute Fachhändler mit anschließen. Inzwischen sind es 41 Händler, die für einen Gastronomieumsatz von weit über 400 Millionen Euro stehen. Und es kommen ständig neue hinzu.
Getränke News: Eines der Geschäftsfelder der GES sind Spirituosen. Wie beim Bier sinkt auch hier der Konsum. Wie wollen Sie das in Zukunft kompensieren?
Berklmeir: Der Pro-Kopf-Verbrauch bei allen alkoholischen Getränken ist bekanntlich langfristig rückläufig, doch er bewegt sich immer noch auf einem hohen Niveau. Für uns gilt das Gleiche wie für den Handel und die Hersteller: Wer die richtige Strategie verfolgt, sich konsequent an den Kundenbedürfnissen ausrichtet, wird auch in Zukunft zu den Gewinnern gehören. Es ist also ein Gewinnen zu Lasten von anderen. Für uns ist der Markt groß genug!
Getränke News: Wo stehen Sie in Sachen Digitalisierung im Branchen-Wettbewerb?
Berklmeir: Mit der Gastro-Bestellplattform Octopus Order haben wir unter Beweis gestellt, dass wir auch im Bereich der Digitalisierung eine führende Marktposition einnehmen können. 2024 wurden darüber 260.000 Bestellungen im Warenwert von etwa 150 Millionen Euro abgewickelt. Viele Händler berichten, dass sie schon 40 bis 50 Prozent der Bestellungen über die App erhalten. Für den Fachhandel ist das eine riesige Arbeitserleichterung.
Getränke News: Man hört zuweilen, die Branche sei im Bereich Digitalisierung eher etwas zurückhaltend …
Berklmeir: Es gibt große Unterschiede in der Professionalität. Aber die Marktteilnehmer müssen immer mehr auf die Kosten schauen – und da bietet alles, was man automatisieren kann, großes Potenzial. Und was die Sicherheit betrifft, kann der Fachhandel uns vertrauen: Da die GES unabhängig ist, kann kein Schindluder mit den Daten getrieben werden. Das ist unser USP. Und Octopus Order wächst Jahr für Jahr.
Getränke News: Ein weiteres großes Thema sind ja die Stammdatenbanken …
Berklmeir: Ja, Prozessoptimierung durch Digitalisierung ist für uns ein zentraler Punkt. Jeder Händler muss die Stammdaten für jedes einzelne Produkt bei sich einpflegen, und auch bei der Industrie sind das umständliche Prozesse. Viele Lieferanten pflegen die Stammdaten aber leider nachlässig, es fehlen viele Informationen.
Die GES hat vor drei Jahren begonnen, den GDSN-Datenpool von GS1 fachhandelsspezifisch aufzubereiten und zu ergänzen. Heute haben wir mit über 80.000 Datensätzen die umfangreichste Stammdatenbank für Getränke und Süßwaren und der Fachhandel kann große Teile seines Sortiments darüber abwickeln. Im Fachhandel fällt dadurch viel Aufwand weg. Aber auch die Hersteller können ihre Prozesse mit dem Fachhandel über uns deutlich effizienter und zielführender gestalten.
Getränke News: Die Pro Fachhandel steht vor der Tür. Das Geschäft der meisten Messen ist nach der Coronakrise nicht wieder richtig in Schwung gekommen. Wie behauptet sich die Pro Fachhandel? Braucht die Branche heute noch so eine Messe?
Berklmeir: Ich habe 2006 als Vorstand bei der GES angefangen. Auch da gab es schon Leute, die unsere Messe totgesagt haben – das war damals schon Unsinn. Schauen Sie mal auf die Umsätze, die auf der Pro Fachhandel getätigt werden, die liegen jährlich locker im dreistelligen Millionenbereich. Während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass sich persönliche Beziehungen nicht digitalisieren lassen.
Für die Messe verhandeln wir als Genossenschaft attraktive Konditionen für den Fachhandel. Dabei sind wir und der Fachhandel auf gute Partnerschaften angewiesen. Die Bedeutung persönlicher Kontakte sollte man da nicht unterschätzen, das betrifft auch unsere Abendveranstaltung. Dass wir als On-Trade-Organisation Event und Kommunikation können, hat sich herumgesprochen.
Letztes Jahr hatten wir 1.150 Gäste aus der Branche. Bei unserem Jubiläumsabend nächste Woche freuen wir uns neben anderen Highlights auf den Auftritt von „The Boss Hoss“.
Getränke News: Und wie ist die Resonanz der Hersteller?
Berklmeir: Auch von unseren Lieferanten wird die Pro Fachhandel sehr gut angenommen. Wir bekommen auch immer mehr Zulauf aus der AfG- und der Bierbranche. Da sind wir immer aktiver geworden und werden von den Lieferanten als strategischer Partner wahrgenommen. Unser Umsatzplus kommt inzwischen ganz wesentlich aus dem Mehrweg-Bereich. Auch da steht die GES jetzt in der Pole Position.
Getränke News: Wenn Sie den Blick in die nächsten zehn Jahre richten: Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie für die GES und den GFGH?
Berklmeir: Wie andere Branchen sehen auch wir große Herausforderungen in allgemeinen Problemen wie der überbordenden Bürokratie, in Kosten für Energie und Personal und im Arbeitskräftemangel.
Andererseits bin ich auch optimistisch: Auch in zehn Jahren wird keine KI Fässer und Kisten in den Keller schleppen. Die letzte Meile ist das, was nur der Fachhandel beherrscht. Er hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder bewiesen, dass er widerstandsfähig ist und sich auf Herausforderungen einstellen kann. Unsere Aufgabe als GES ist es, ihn dabei mit aller Kraft und Strategie zu unterstützen.
























































































