Mit der neu gegründeten Kreislaufverbund Mehrweg GmbH soll Mehrweg to go auf ein neues Effizienzniveau gehoben werden. Zum Jahresbeginn wird der frühere Rewe-Manager und Für-Sie-Vorstand Walter Steffens Geschäftsführer der neuen Gesellschaft – mit dem Auftrag, Handel, Logistik, Kommunen und regionale Akteure an einen Tisch zu bringen (wir berichteten).
Im Gespräch mit Getränke News erläutert Steffens, wie das in Freiburg gestartete Modellprojekt in die Fläche getragen werden soll, wo die größten Stellschrauben liegen – und weshalb Über-Regulierung und Alleingänge einzelner Marktteilnehmer den Erfolg eines bundesweiten Mehrwegverbunds gefährden könnten.
Getränke News: Warum hatte Deutschland bisher noch kein einheitliches Mehrwegsystem für die Rückführung im To-go-Bereich?
Steffens: Der entscheidende Punkt war lange die fehlende Verbindlichkeit. Solange man Einwegbecher problemlos in den Restmüll werfen durfte, hatten viele Akteure schlicht keinen Anreiz, in Mehrweg zu investieren. Gleichzeitig sehen wir ein sehr hybrides Konsumverhalten: In Befragungen geben viele an, nachhaltig und regional einkaufen zu wollen – im Alltag entscheiden dann aber Preis und Bequemlichkeit.
Erst mit der schrittweise eingeführten Mehrwegpflicht gibt es einen verlässlichen gesetzlichen Rahmen. Und erst dieser Rahmen macht es möglich – und notwendig –, ein wirklich funktionierendes Mehrwegsystem aufzubauen.
Getränke News: Warum braucht es jetzt eine Dachgesellschaft wie die Kreislaufverbund Mehrweg GmbH?
Steffens: Wir wollen verhindern, dass die Fehler der Vergangenheit wiederholt werden. Ich habe in meiner Laufbahn oft erlebt, wohin mangelnde Zusammenarbeit, zu viel Individualisierung und fehlende Digitalisierung führen: In Hochlastphasen entstehen Versorgungslücken, Kosten explodieren, und die Systeme verlieren Akzeptanz.
Unsere Aufgabe ist es deshalb, auf bestehenden Infrastrukturen aufzusetzen und den Lernprozess drastisch zu verkürzen.
Getränke News: Und wie sieht das in der Praxis aus?
Steffens: Wir bringen die relevanten Gremien und Branchenpartner an einen Tisch – vom Getränkefachgroßhandel über den Dehoga bis zu den unterschiedlichen Mehrwegorganisationen. Einige sind bereits dabei, weitere sollen folgen.
Als Non-Profit-Gesellschaft verstehen wir uns als neutrale Dienstleister. Wir schaffen Transparenz, bündeln bestehende Strukturen und entwickeln gemeinsame Standards, die es allen ermöglichen, effizient zu arbeiten. Unser Ziel ist ein System, das bundesweit skaliert und gleichzeitig regionale Besonderheiten berücksichtigt.
Getränke News: Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für ein funktionierendes Mehrwegsystem?
Steffens: Die Risiken für ein funktionierendes Mehrwegsystem sind derzeit vielschichtig. Wir erleben am Markt eine Vielzahl von Bemühungen, die grundsätzlich alle gut gemeint und relevant sind. Aber genau diese Vielfalt kann zum Problem werden, wenn sie in zu starke Individualisierung führt. Ein Mehrwegbecher, der ausschließlich auf eine Marke zugeschnitten ist, mag ästhetisch ansprechend sein – logistisch ist er ein Albtraum.
Mehrweglogistik lebt vom Pooling. Das heißt: Gefäße müssen modular, kompatibel und im Idealfall austauschbar sein. Wenn jeder Anbieter eigene Formen und Lösungen entwickelt, braucht auch jeder wieder seine eigene Logistik. Das ist teuer, ineffizient und verhindert am Ende die Skalierung, die wir dringend brauchen. Eines der größten Risiken ist deshalb, dass Deutschland kein einheitliches Pooling hinbekommt.
Ein weiteres Risiko sehe ich in Versuchen, dem System auszuweichen – etwa durch sogenannte ‚Schein-Mehrweg‘-Lösungen. Verpackungen mit Pfand, die aber faktisch nicht für echten Mehrwegeinsatz ausgelegt sind, unterlaufen den Gedanken des Systems und können Vertrauen zerstören.
Getränke News: Wie positioniert sich die Kreislaufverbund Mehrweg GmbH in diesem Spannungsfeld?
Steffens: Wir sind weder Lobbyorganisation noch juristischer Akteur. Unsere Aufgabe ist es, Risiken sichtbar zu machen und Strukturen zu schaffen, die tragfähige, verlässliche und funktionierende Prozesse ermöglichen. Wir setzen bewusst auf Kooperation statt Konfrontation – nur so lassen sich Branchen gemeinsam bewegen.
Darüber hinaus fördern wir den Wettbewerb und sichern die Wahlfreiheit der Lebensmittelunternehmen bei Auswahl und Einsatz von Mehrweg. Unser Treuhändermodell sichert die Vertraulichkeit sensibler Daten der Mehrwegangebote.
Getränke News: Was bedeutet „tragfähig“ konkret?
Steffens: Wenn ich von tragfähigen Lösungen spreche, dann meine ich Systeme, die sowohl wirtschaftlich als auch funktional überzeugen – und das entlang der gesamten Supply Chain, inklusive der Rückführung der Behälter. Mehrweg ist nur dann ökologisch sinnvoll, wenn die Gefäße oft genug zirkulieren. Das erreichen wir durch modulare, skalierbare Systeme, die effizient organisiert sind.
Im Gegensatz dazu verursacht Einweg eine Reihe versteckter Kosten – etwa Entsorgungsaufwand oder kommunale Belastungen. Ein gutes Mehrwegsystem reduziert diese Belastungen, statt neue zu schaffen.
Getränke News: Sind Sie für eine stärkere Sanktionierung von Einweg?
Steffens: Das ist nicht unsere Aufgabe; dafür sind Verbände, Gesetzgeber und Kommunen zuständig. Städte entscheiden beispielsweise selbst über eine Verpackungssteuer. Wir begleiten anschließend das „Wie“, nicht das „Ob“. Wir sind weder dafür noch dagegen – unsere Rolle ist es, Systeme so zu gestalten, dass sie funktionieren.
Getränke News: Was tut die Kreislaufverbund Mehrweg GmbH ganz praktisch? Können Sie den operativen Kern beschreiben?
Steffens: Wir vernetzen alle Marktteilnehmer – Verpackungshersteller, Handel, Gastronomie, Logistikdienstleister und natürlich die Verbraucher. Ein wesentlicher Punkt ist die Niedrigschwelligkeit der Rückgabe: Menschen müssen ihre Behälter einfach, schnell und in der Nähe zurückgeben können.
Damit das gelingt, schaffen wir Transparenz entlang der gesamten Prozesskette. Hersteller sollen wissen, wer reinigen kann; Gastronomen sollen wissen, wie sie Pfand effizient abwickeln; Verbraucher sollen wissen, wo sie abgeben können.
Zentral dafür ist unsere digitale Plattform, die Standards setzt, Informationen bündelt und die bestehenden Kompetenzen sichtbar und nutzbar macht. Wir bauen keine Parallelstrukturen, sondern stärken die vorhandenen.
Getränke News: Der Getränkefachgroßhandel sieht große Chancen, bestehende Mehrwegstrukturen einzubringen, warnt aber ebenfalls vor neuen Insellösungen…
Steffens: Das ist tatsächlich der Kern der Herausforderung: Wir müssen für alle Beteiligten maximale Transparenz schaffen, damit klar wird, was in den kommenden Jahren auf den Markt zukommt. Handel, Gastronomie und Getränkefachgroßhandel können sehr genau benennen, warum Mehrweg in der Vergangenheit oft ins Stocken kam. Und genau aus diesen Erfahrungen müssen wir lernen.
Ich kenne die gesamte Mehrweg-Supply-Chain aus der Praxis – und ich weiß, dass Insellösungen am Ende fast immer der Grund für Engpässe und Lieferprobleme sind, insbesondere in Hochsaisonphasen. Jede Individualisierung erzeugt überflüssige Komplexität.
Getränke News: Heißt das, die Becher sollen künftig alle gleich aussehen?
Steffens: Je modularer ein System aufgebaut ist, desto besser funktioniert es. Ein Becher kann selbstverständlich gebrandet sein, aber Größe und Form sollten kompatibel, wenn nicht standardisiert sein – damit er überall durch die gleiche Spülmaschine läuft, in die gleichen Kisten passt und dieselben Logistikprozesse nutzt. Wenn wir unterschiedliche Formen und Größen nebeneinander zulassen, landen wir wieder bei den gleichen Problemen wie bei den Individualflaschen.
Unsere Aufgabe ist es, diese Interessen zusammenzubringen und ein System zu schaffen, das sowohl branchenübergreifend kompatibel ist als auch den Anforderungen einzelner Akteure gerecht wird.
Getränke News: Wie sieht ein flächendeckendes Mehrwegsystem für To-go-Verpackungen aus Ihrer Sicht im Jahr 2030 aus?
Steffens: Es steht und fällt mit der Infrastruktur – und mit Digitalisierung. Ohne digitale Standards, transparente Daten und automatisierte Pfandprozesse wird Mehrweg nie bundesweit skalieren. Die gute Nachricht: Viele dieser Komponenten sind heute bereits vorhanden, sie müssen nur zusammengeführt werden.
Getränke News: Sollte es ein gesetzliches Pooling-Gebot geben?
Steffens: Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: ja. Ein Behälter kann selbstverständlich gebrandet oder etikettiert sein, aber seine Größe, sein Durchmesser, seine Höhe sollten definiert sein. Einheitliche Standards erleichtern die Sortierung, die Spülprozesse und die Logistik enorm. Pflichtstandards sind elementar, solange sie die Wettbewerbsfähigkeit nicht unnötig einschränken. Überall dort, wo Standardisierung Prozesse entlastet, sollte sie verpflichtend sein.
Getränke News: Welche Rolle spielen die Verbraucher?
Steffens: Die stärksten Anreize entstehen nicht über den Preis, sondern über Bequemlichkeit. Wenn ich meinen Becher überall schnell und unkompliziert zurückgeben kann, steigt die Akzeptanz automatisch. Convenience entscheidet.
Dafür lohnt sich der Blick in andere Branchen: Dienste wie Uber sind nicht erfolgreich, weil sie etwas völlig Neues erfunden haben, sondern weil sie Nutzerfreundlichkeit bieten. Die App zeigt mir, wann das Fahrzeug kommt, was es kostet, und ich muss nichts weiter tun als per Knopfdruck bestellen. Ein Mehrwegsystem muss ähnlich intuitiv funktionieren – erst dann erreicht es die breite Masse.
Getränke News: Was wäre für Sie persönlich der Punkt, an dem Sie sagen: „Das System funktioniert – jetzt haben wir den Durchbruch geschafft“?
Steffens: Wenn Unternehmen – vielleicht 2028 oder 2029 – sagen: „Wir sind längst Teil des Systems, und es war einfacher, als wir dachten.“ Wenn Mehrweg nicht mehr als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen wird, sondern als Selbstverständlichkeit im Alltag. Dann haben wir unser Ziel erreicht.
Mehr zur Zukunft von Mehrweg to go
Am 7. Mai hält Walter Steffens in Heidelberg auf dem SideKick-Kongress von Getränke News einen spannenden Vortrag über die neuen Chancen und Möglichkeiten von Mehrweg to go.
Weitere Themen des Kongresses sind u.a.: KI-Anwendungen in der Praxis, die Zukunft des Außer-Haus-Markts, das Spezi-Universum, Almdudlers Deutschland-Strategie, Beyond Beer: neue Chancen für Getränkehersteller, Mehrweglogistik sowie Markt- und Konsumtrends. Außerdem zeigt Roland Berger Szenarien im Falle einer Unternehmenskrise und gibt Handlungsempfehlungen, um diese zu meistern. Freuen Sie sich auf einen kompakten Tag voller branchennaher Themen und auf zwei Abendveranstaltungen.
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Sichern Sie sich jetzt Ihren Frühbucherrabatt!
Infos und Anmeldung unter: www.sidekick-kongress.de


























































































