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Piratenflagge vor wolkigem Himmel
Produktpiraterie

„Im schlimmsten Fall könnte jemand sterben“

Der Handel mit gefälschten Markenartikeln boomt: Mit Plagiaten werden weltweit jährlich mehr als 300 Milliarden Euro umgesetzt. Durch die krisenbedingt gestörten Lieferketten verschärft sich das Problem noch. Zu den bei Fälschern beliebten Warengruppen zählen auch Spirituosen. Getränke News sprach mit der Markenschutz-Expertin Nicole Jasmin Hofmann.


"Im schlimmsten Fall könnte jemand sterben"
Nicole Jasmin Hofmann, Geschäftsführerin des Berliner Tech-Unternehmens Sentryc (Foto: Sentryc)

Getränke News: Wie hat sich der Markt für gefälschte Markenartikel in den letzten Jahren entwickelt?

Hofmann: Durch die steigende Bedeutung des Onlinehandels verschärft sich das Problem, da Fälschungen und Plagiate über Online-Marktplätze schneller und risikoärmer zum Kunden gelangen. 2018 hat der europäische Zoll fast 27 Millionen Plagiate mit einem Marktwert von ca. 740 Millionen Euro beschlagnahmt. Der globale Handel mit illegal hergestellten und verkauften Markenprodukten machte zuletzt 2,5 Prozent des Welthandels aus und erreichte einen Gesamtwert von 338 Milliarden Euro.

Deutschland ist mit seinen innovativen Produkten besonders betroffen: Der Schaden durch Produktfälschungen beläuft sich hierzulande auf 50 Milliarden Euro jährlich. In den letzten fünf Jahren ist jedes zehnte Unternehmen in Deutschland in mindestens einem Fall Opfer von Produktpiraterie geworden.

Getränke News: Man hört immer wieder auch von Fälschungen von Spirituosenmarken. Wie groß ist hier das Ausmaß?

Hofmann: Spirituosen sind ein großer, spannender Markt – das lockt auch Fälscher an. In deren Visier sind vor allem internationale Marken – zum Beispiel große, bekannte Whiskys. Auch Champagner steht hoch im Kurs. Preislich findet man da alles vom Standard- bis zu sehr teuren Luxus-Produkt. Das Problem ist so umfassend – alle Hersteller haben das auf dem Schirm, beschäftigen sich damit.

Getränke News: In der Branche wird dennoch selten darüber gesprochen, Fälschungen scheinen beinahe ein Tabu-Thema zu sein. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Hofmann: Ja, der Markt ist besonders verschlossen. Das hängt damit zusammen, dass das Thema in dieser Branche besonders sensibel ist. Denn bei Spirituosen geht es – über den Imageschaden an der Marke hinaus – um schwere gesundheitliche Risiken. Im schlimmsten Fall könnte jemand sterben.

Getränke News: Wie schaffen es Fälscher von Spirituosenmarken überhaupt, gefälschte Ware in den Verkehr zu bringen, wie gelingt es, die üblichen Lieferketten zu umgehen?

Hofmann: Auch das hängt mit der zunehmenden Verlagerung in den Online-Handel zusammen. Wenn zum Beispiel ein Gastronom seine Marke im Internet einen Tick billiger findet, schaut er vielleicht bei seiner Bestellung nicht so genau hin.

Inzwischen kommt noch hinzu, dass durch die anhaltende Krise die etablierten Distributionswege nicht mehr funktionieren. Angesichts stark gestörter Lieferketten müssen Einkäufer branchenübergreifend kreativ werden, um Ware zu erhalten. Bei der dritten oder vierten Stufe lässt sich unter Umständen die Herkunft nicht mehr sicher nachvollziehen. So standen während der Pandemie sogar mehrere Regierungen, auch unsere, mit gefälschten Schutzmasken da. Das Thema ist also aktueller denn je.

Getränke News: Wie können sich Unternehmen schützen?

Hofmann: Eine ganze Industrie beschäftigt sich mit der Aufdeckung von Fälschungen. Es gibt zum Beispiel ein Unternehmen, das ein Gerät zur Prüfung der Zusammensetzung von Spirituosen an Restaurants und Bars verleiht. So kann jedes Produkt einwandfrei identifiziert werden. Fälschungen werden in eine Art Landkarte eingegeben, auf der man sieht, wo welche Fake-Produkte auftauchen und wo die Hotspots liegen. Wir von Sentryc indessen haben uns auf den Online-Handel spezialisiert.

Getränke News: Wie helfen Sie den Herstellern konkret?

Hofmann: Sentryc scannt mittels künstlicher Intelligenz riesige Datenmengen auf Online-Marktplätzen nach verdächtigen Angeboten. In die Bewertung werden unter anderem Preise, Bestellmengen und Kundenbewertungen einbezogen. Die entstehenden Muster werden auf ihre Plausibilität untersucht. Findet unsere KI Indizien, sorgen wir dafür, dass die betreffenden Angebote offline gehen. Dann ist die Gefahr erst einmal gebannt. Man muss aber ständig am Ball bleiben, denn es kommen immer wieder neue Fälschungen auf den Markt.

Bei Spirituosen gibt es noch eine Besonderheit: Anders als beispielsweise im Falle technischer Geräte geht es nicht unbedingt darum, das Produkt komplett zu fälschen. Ein großer Anteil online sind vielmehr leere Flaschen. Vor allem in Asien findet man Flaschenhersteller, die in großem Stil Individualflaschen bekannter Marken nachbauen und auf Plattformen wie z.B. Alibaba oder Made-in-China.com anbieten. Wir erkennen diese Formen auch ohne den Markennamen und lassen Angebote offline nehmen, wenn sie nicht vom Original-Hersteller stammen. Das geht zumindest dann, wenn der Markeninhaber auch ein Design-Patent hat – wir empfehlen in vielen Fällen, sich zur Registrierung mit seinem Anwalt zu beraten.

Getränke News: Sie ziehen aber lediglich die Produkte aus dem Verkehr – oder haben Sie auch Möglichkeiten, die Täter dingfest machen?

Hofmann: Wir liefern unseren Kunden die Reportings und sie entscheiden über das weitere Vorgehen. Bei den „großen Fischen“ kann es sich lohnen, einen Anwalt oder Wirtschaftsdetektiv einzuschalten. Wir haben zum Beispiel einmal einen Händler in Indonesien entdeckt, der hat 800 Mal probiert, gefälschte Ware anzubieten.

Getränke News: Welche Entwicklung erwarten Sie am Plagiate-Markt? Wird man diesen Sumpf irgendwann trockenlegen können?

Hofmann: Es wäre eine Illusion zu glauben, dass das irgendwann aufhört. Im Gegenteil, man muss damit rechnen, dass das Problem in Umfang und Komplexität eher noch zunimmt. Zwei Faktoren sprechen dafür: Der erste ist die technologische Entwicklung; die Produktpiraten sind sehr smart, nutzen mit als Erste moderne Technologien wie Algorithmen oder Bots. Zweitens werden in Zeiten der Globalisierung Geschäfte immer stärker online getätigt, auch im B2B-Bereich. In diesem Katz-und-Maus-Spiel müssen sich die Hersteller permanent Gedanken machen, wie sie den nächsten Schritten Einhalt gebieten können.


Unsere Gesprächspartnerin

Nicole Jasmin Hofmann ist CEO und Co-Gründerin der Sentryc GmbH, Berlin. Die Seriengründerin schloss ihre Studien am IMK-Institut für Marketing & Kommunikation sowie an der Frankfurt School of Finance & Management ab. Bevor sie zum Gründerteam des Software-Anbieters für Brandprotection stieß, führte sie verschiedene Start-Ups der ProSiebenSat1-Gruppe. Hofmann zeichnete hier unter anderem für den strategischen Aufbau von preis24.de sowie diverser Brands des Health- und Wellness-Unternehmens 7NXT verantwortlich.

Zum Unternehmen

Die Sentryc GmbH ist ein 2019 gegründetes Technologieunternehmen mit Sitz in Berlin. Das aktuell 35-köpfige Team um Geschäftsführerin Nicole Jasmin Hofmann bietet Unternehmen mit seiner eigenentwickelten Markenschutz-Software eine digitale Lösung, mit der sich Produktpiraterie und Markenmissbrauch auf Online-Marktplätzen aufdecken und stoppen lässt.

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„Im schlimmsten Fall könnte jemand sterben“

Der Handel mit gefälschten Markenartikeln boomt: Mit Plagiaten werden weltweit jährlich mehr als 300 Milliarden Euro umgesetzt. Durch die krisenbedingt gestörten Lieferketten verschärft sich das Problem noch. Zu den bei Fälschern beliebten Warengruppen zählen auch Spirituosen. Getränke News sprach mit der Markenschutz-Expertin Nicole Jasmin Hofmann.


"Im schlimmsten Fall könnte jemand sterben"
Nicole Jasmin Hofmann, Geschäftsführerin des Berliner Tech-Unternehmens Sentryc (Foto: Sentryc)

Getränke News: Wie hat sich der Markt für gefälschte Markenartikel in den letzten Jahren entwickelt?

Hofmann: Durch die steigende Bedeutung des Onlinehandels verschärft sich das Problem, da Fälschungen und Plagiate über Online-Marktplätze schneller und risikoärmer zum Kunden gelangen. 2018 hat der europäische Zoll fast 27 Millionen Plagiate mit einem Marktwert von ca. 740 Millionen Euro beschlagnahmt. Der globale Handel mit illegal hergestellten und verkauften Markenprodukten machte zuletzt 2,5 Prozent des Welthandels aus und erreichte einen Gesamtwert von 338 Milliarden Euro.

Deutschland ist mit seinen innovativen Produkten besonders betroffen: Der Schaden durch Produktfälschungen beläuft sich hierzulande auf 50 Milliarden Euro jährlich. In den letzten fünf Jahren ist jedes zehnte Unternehmen in Deutschland in mindestens einem Fall Opfer von Produktpiraterie geworden.

Getränke News: Man hört immer wieder auch von Fälschungen von Spirituosenmarken. Wie groß ist hier das Ausmaß?

Hofmann: Spirituosen sind ein großer, spannender Markt – das lockt auch Fälscher an. In deren Visier sind vor allem internationale Marken – zum Beispiel große, bekannte Whiskys. Auch Champagner steht hoch im Kurs. Preislich findet man da alles vom Standard- bis zu sehr teuren Luxus-Produkt. Das Problem ist so umfassend – alle Hersteller haben das auf dem Schirm, beschäftigen sich damit.

Getränke News: In der Branche wird dennoch selten darüber gesprochen, Fälschungen scheinen beinahe ein Tabu-Thema zu sein. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Hofmann: Ja, der Markt ist besonders verschlossen. Das hängt damit zusammen, dass das Thema in dieser Branche besonders sensibel ist. Denn bei Spirituosen geht es – über den Imageschaden an der Marke hinaus – um schwere gesundheitliche Risiken. Im schlimmsten Fall könnte jemand sterben.

Getränke News: Wie schaffen es Fälscher von Spirituosenmarken überhaupt, gefälschte Ware in den Verkehr zu bringen, wie gelingt es, die üblichen Lieferketten zu umgehen?

Hofmann: Auch das hängt mit der zunehmenden Verlagerung in den Online-Handel zusammen. Wenn zum Beispiel ein Gastronom seine Marke im Internet einen Tick billiger findet, schaut er vielleicht bei seiner Bestellung nicht so genau hin.

Inzwischen kommt noch hinzu, dass durch die anhaltende Krise die etablierten Distributionswege nicht mehr funktionieren. Angesichts stark gestörter Lieferketten müssen Einkäufer branchenübergreifend kreativ werden, um Ware zu erhalten. Bei der dritten oder vierten Stufe lässt sich unter Umständen die Herkunft nicht mehr sicher nachvollziehen. So standen während der Pandemie sogar mehrere Regierungen, auch unsere, mit gefälschten Schutzmasken da. Das Thema ist also aktueller denn je.

Getränke News: Wie können sich Unternehmen schützen?

Hofmann: Eine ganze Industrie beschäftigt sich mit der Aufdeckung von Fälschungen. Es gibt zum Beispiel ein Unternehmen, das ein Gerät zur Prüfung der Zusammensetzung von Spirituosen an Restaurants und Bars verleiht. So kann jedes Produkt einwandfrei identifiziert werden. Fälschungen werden in eine Art Landkarte eingegeben, auf der man sieht, wo welche Fake-Produkte auftauchen und wo die Hotspots liegen. Wir von Sentryc indessen haben uns auf den Online-Handel spezialisiert.

Getränke News: Wie helfen Sie den Herstellern konkret?

Hofmann: Sentryc scannt mittels künstlicher Intelligenz riesige Datenmengen auf Online-Marktplätzen nach verdächtigen Angeboten. In die Bewertung werden unter anderem Preise, Bestellmengen und Kundenbewertungen einbezogen. Die entstehenden Muster werden auf ihre Plausibilität untersucht. Findet unsere KI Indizien, sorgen wir dafür, dass die betreffenden Angebote offline gehen. Dann ist die Gefahr erst einmal gebannt. Man muss aber ständig am Ball bleiben, denn es kommen immer wieder neue Fälschungen auf den Markt.

Bei Spirituosen gibt es noch eine Besonderheit: Anders als beispielsweise im Falle technischer Geräte geht es nicht unbedingt darum, das Produkt komplett zu fälschen. Ein großer Anteil online sind vielmehr leere Flaschen. Vor allem in Asien findet man Flaschenhersteller, die in großem Stil Individualflaschen bekannter Marken nachbauen und auf Plattformen wie z.B. Alibaba oder Made-in-China.com anbieten. Wir erkennen diese Formen auch ohne den Markennamen und lassen Angebote offline nehmen, wenn sie nicht vom Original-Hersteller stammen. Das geht zumindest dann, wenn der Markeninhaber auch ein Design-Patent hat – wir empfehlen in vielen Fällen, sich zur Registrierung mit seinem Anwalt zu beraten.

Getränke News: Sie ziehen aber lediglich die Produkte aus dem Verkehr – oder haben Sie auch Möglichkeiten, die Täter dingfest machen?

Hofmann: Wir liefern unseren Kunden die Reportings und sie entscheiden über das weitere Vorgehen. Bei den „großen Fischen“ kann es sich lohnen, einen Anwalt oder Wirtschaftsdetektiv einzuschalten. Wir haben zum Beispiel einmal einen Händler in Indonesien entdeckt, der hat 800 Mal probiert, gefälschte Ware anzubieten.

Getränke News: Welche Entwicklung erwarten Sie am Plagiate-Markt? Wird man diesen Sumpf irgendwann trockenlegen können?

Hofmann: Es wäre eine Illusion zu glauben, dass das irgendwann aufhört. Im Gegenteil, man muss damit rechnen, dass das Problem in Umfang und Komplexität eher noch zunimmt. Zwei Faktoren sprechen dafür: Der erste ist die technologische Entwicklung; die Produktpiraten sind sehr smart, nutzen mit als Erste moderne Technologien wie Algorithmen oder Bots. Zweitens werden in Zeiten der Globalisierung Geschäfte immer stärker online getätigt, auch im B2B-Bereich. In diesem Katz-und-Maus-Spiel müssen sich die Hersteller permanent Gedanken machen, wie sie den nächsten Schritten Einhalt gebieten können.


Unsere Gesprächspartnerin

Nicole Jasmin Hofmann ist CEO und Co-Gründerin der Sentryc GmbH, Berlin. Die Seriengründerin schloss ihre Studien am IMK-Institut für Marketing & Kommunikation sowie an der Frankfurt School of Finance & Management ab. Bevor sie zum Gründerteam des Software-Anbieters für Brandprotection stieß, führte sie verschiedene Start-Ups der ProSiebenSat1-Gruppe. Hofmann zeichnete hier unter anderem für den strategischen Aufbau von preis24.de sowie diverser Brands des Health- und Wellness-Unternehmens 7NXT verantwortlich.

Zum Unternehmen

Die Sentryc GmbH ist ein 2019 gegründetes Technologieunternehmen mit Sitz in Berlin. Das aktuell 35-köpfige Team um Geschäftsführerin Nicole Jasmin Hofmann bietet Unternehmen mit seiner eigenentwickelten Markenschutz-Software eine digitale Lösung, mit der sich Produktpiraterie und Markenmissbrauch auf Online-Marktplätzen aufdecken und stoppen lässt.

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