Vier Jahre nach dem letzten „Bier-Länder-Report“ ist Hessens Lage noch desolater. Seit dem Binding-Aus im September 2023 sinkt der Ausstoß weiter – und das Schlusslicht im Bundesvergleich verliert weiter Boden.
Oetkers Brauereisparte, die Radeberger Gruppe, hat dem hessischen Biermarkt den letzten großen eigenen Standort genommen. Mit der endgültigen Schließung der Braustätte am Sachsenhäuser Berg im Sommer 2023 fiel der Absatz in Hessen 2024 auf nur noch 1,24 Millionen Hektoliter – ein historischer Tiefstand. Damit ist auch die frühere Bedeutung Frankfurts als Bierstadt auf Augenhöhe mit München, Berlin oder Dortmund passé. Zum Vergleich: Vor 30 Jahren liefen allein in Frankfurt 3,55 Millionen Hektoliter vom Band – gebraut von Henninger (1,85 Mio. hl) und Binding (1,7 Mio. hl).
Keine große Brauerei mehr in Frankfurt
Tatsächlich erzählt die hessische Braugeschichte von einem beispiellosen wirtschaftlichen Niedergang. Von den 1980 noch gebrauten sieben Millionen Hektolitern sank der Ausstoß bis zum Jahr 2000 auf fünf Millionen. Die Gesamtbilanz ist niederschmetternd: Seit 1980 hat die hessische Brauwirtschaft rund 83 Prozent ihres damaligen Brauvolumens verloren. Im Jahr 2024 blieben schließlich nur noch 1,24 Millionen Hektoliter übrig. Daran konnte auch die lautstarke Kritik des Unterstützerkreises „Binding bleibt“ nichts mehr ändern. Obwohl nach dem Bekanntwerden der Schließung der Braustätte am Verwaltungssitz der Radeberger Gruppe im September 2022 über 20.000 Menschen für den Erhalt der Traditionsbrauerei unterschrieben, mussten sich schließlich auch Betriebsrat und Gewerkschaft geschlagen geben. Oetker nahm die Kapazitäten letztlich vom Markt.
Kapazitäten vom Markt genommen
Zwei Jahrzehnte lang versuchte die Radeberger Gruppe vergeblich, dem Schicksal eines latent schrumpfenden Biermarktes zu entgehen. Während andere Premium-Brauer nach der Jahrtausendwende neue Kraft schöpften und den Markt mit Innovationen belebten, kamen – abgesehen von Schöfferhofer Grapefruit – aus Deutschlands größter Braugruppe kaum marktgestaltende Impulse. Die Biersparte wurde verwaltet; Kapazitäten wurden vom Markt genommen – wie zuvor bereits in Berlin, Dortmund und zuletzt in Köln praktiziert.

Der Niedergang war in Frankfurt spätestens besiegelt, als die Binding-Brauerei im Jahr 2001 auch den Standort des einstigen Konkurrenten Henninger übernahm. „Der Hintergrund ist eher ernüchternd: Die Deutschen trinken weniger Bier“, begründete der damalige Binding-Chef Ulrich Kallmeyer den Schritt. Die wenigen profilierten Frankfurter Biermarken verloren weiter an Strahlkraft. Bereits damals kam es zu einem harten Personalabbau: Der Großteil der 330 Henninger-Beschäftigten stand vor der Entlassung. Für die 500.000 Hektoliter Henninger-Bier, die damals zu Oetker übergingen, wurde schlicht kein zusätzliches Personal mehr benötigt. Henninger Export, Kaiser Pilsner und Henninger Radler wurden fortan lediglich „mitgebraut“.
Dass am Frankfurter Sachsenhäuser Berg zuletzt nicht einmal mehr die frühere Braumenge erreicht wurde, belegen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Zwischen dem letzten vollen Binding-Braujahr 2022 und dem Schließungsjahr 2024 verlor der hessische Biermarkt über alle Brauereien hinweg lediglich 386.000 Hektoliter – der Rückgang durch die 2023 ebenfalls geschlossene Pfungstädter Brauerei bereits eingerechnet.
Licher auf die Hälfte geschrumpft
Auch im nordhessischen Lich fällt die Langzeitbilanz nach zwei Eigentümerwechseln ernüchternd aus: Zur Jahrtausendwende meldete die damals noch eigenständige Holsten AG einen Ausstoß von einer Million Hektolitern, 1995 waren es sogar 1,5 Millionen. Nach dem Niedergang der Holsten-Gruppe – seinerzeit mit rund elf Millionen Hektolitern die größte deutsche Brauerei – übernahm die Bitburger Braugruppe. Doch auch sie konnte den Rückgang in Lich nicht stoppen. Einer der Gründe: Licher tummelte sich im hessisch-rheinland-pfälzischen Biermarkt – also im Kernabsatzgebiet der Stammmarke Bitburger. Heute dürfte der Ausstoß in Lich auf die Hälfte gefallen sein. Ein Großteil davon entfällt auf die Marke Benediktiner, die bekanntlich in Lich gebraut wird.
Kleine Braustätten ohne Mengeneffekte
Unterm Strich ist die Zahl der Brauereien in Hessen auch 2024 weiter gesunken: 71 Betriebsstätten wurden statistisch erfasst – fünf weniger als noch in den Jahren 2023 und 2022. Zwar gibt es damit immer noch deutlich mehr Braustätten als Mitte der 1990er Jahre, als 1995 lediglich 54 Betriebe gemeldet wurden. Seither sind vor allem kleinere und handwerklich arbeitende Brauereien hinzugekommen. Doch die Mengenentwicklung zeigt: Die Kleinst- und Craftbrauer konnten den Absatzrückgang nicht aufhalten.
Den Artikel „Bier-Länder-Report Teil 5: Der Biermarkt in Hessen“ von 2021 finden Sie hier.
























































































