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Hessen bald Schlusslicht beim Bierabsatz
Bier-Länder-Report EXTRA

Hessen bald Schlusslicht beim Bierabsatz

Durch die Schließung der Binding-Braustätte (wir berichteten) könnte Hessen beim Bierabsatz Schlusslicht der deutschen Brauwirtschaft werden. Mit einem angekündigten Verlust des Frankfurter Ausstoßvolumens von rund 600.000 Hektolitern dürfte Hessen als erstes Bundesland unter die landesweite Braumenge von einer Million Hektoliter rutschen – so wenig wie in keinem anderen Bundesland. 

1995 kamen noch 5,88 Millionen Hektoliter aus hessischen Sudkesseln, 2021 waren es gerade noch 1,51 Millionen Hektoliter. Und der Substanzverlust geht weiter, auch bei der Pfungstädter Brauerei brodelt es: Die Käufer des innerstädtischen Brauereigeländes haben den Pachtvertrag mit dem Betreiber der Brauerei zum Jahresende 2023 gekündigt. Rund 150.000 Hektoliter stehen im Feuer.

Nur noch wenige relevante Brauer in Hessen

Tatsächlich bleiben in Hessen nur noch wenige mengenrelevante Anbieter übrig. Allen voran die Licher Brauerei („Aus dem Herzen der Natur“), die in Nordhessen als Tochter der Bitburger Braugruppe in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten jedoch ebenfalls erheblich an Menge verloren hat. Der rettende Notanker für eine Auslastung der Licher-Anlagen kam aus der Bitburger Zentrale: Die Eifeler Brauer nutzen die freigewordenen Kapazitäten inzwischen, um dort die Marke Benediktiner zu brauen. Weil Bitburger eine eigene Weißbiermarke fehlte, war die Braugruppe frühzeitig an die Benediktinerabtei Ettal im Landkreis Garmisch-Partenkirchen herangetreten und hatte einen Lizenzvertag vereinbart.

Auch bei Binding hatte die Radeberger Gruppe, ein Tochterunternehmen von Dr. Oetker, angesichts schwindender Mengen der Heimatmarken Binding und Henninger über Jahre hinweg ebenfalls auf andere Konzernmarken gesetzt. So wurden in der Mainmetropole die Marken Schöfferhofer und Clausthaler Alkoholfrei gebraut und so die freien Braukapazitäten genutzt.

Proteste halten sich in Grenzen

Nach Bekanntwerden der Standortschließung hält sich der Protest von Politik und Bürgern derweil in Grenzen. Die Unmutskundgebungen zum Verlust der Frankfurter Braukompetenz fürs Römer Pils („RöPi“) fallen mäßig aus. Lediglich beim Spiel von Eintracht Frankfurt gegen den 1. FC Union Berlin war ein Transparent zu sehen: „Dir und mir, Binding Bier. Brauerei erhalten!“ Weil aber Krombacher der Biersponsor der Eintracht ist, halten die Fußballfans, während sie ihre Sympathie für ihr Heimatbier dokumentieren, den Becher mit Krombacher Pils in der Hand – so sieht die Wirklichkeit des Biermarktes aus. 

Teile der Frankfurter Politik fordern nach der Schließung der Binding Brauerei den Erhalt des Gewerbegebietes an der Darmstädter Landstraße, doch angesichts des knappen Wohnraums könnten nach einer ganz oder teilweisen Umwidmung und dem Flächenverkauf erhebliche Mittel in die Kasse von Oetkers Biersparte gespült werden. Beim Binding-Gelände handelt es sich um eine der letzten innerstädtischen Konversionsflächen der Mainmetropole. 

Entwicklung des Henninger-Geländes als Blaupause

Wie sich traditionsreicher Brauereigrundbesitz millionenschwer versilbern lässt, konnte das Radeberger Management jahrelang aus den Fenstern ihrer Firmenzentrale beobachten – die einstmaligen Henninger-Eigentümer lieferten die Blaupause. Gleich nebenan hatte die Actris Beteiligungs GmbH & Co. KG, die sich im Besitz von SAP-Gründer Dietmar Hopp und seinen Söhnen befindet, das gesamte Henninger Brauereigelände umgewidmet und neu entwickelt. Der einstmals dominante Henninger Turm – das Malzsilo mit Aussichtsplattform – wurden abgerissen und durch einen Wohnturm ersetzt. Das einstige Brauereigeschäft, vornehmlich aus den Hinterlassenschaften der klammen März-Gruppe zusammengeführt, hatte die vormalige Actris AG längst aufgegeben. Oetkers Biersparte hatte Marken- und Vertriebsrechte sowie die brautechnische Ausstattung übernommen.

Mit den gleichen Eigentümern hat es inzwischen das gut 40 Kilometer entfernte Pfungstadt zu tun. Dort waren die 97 Gesellschafter der traditionsreichen Pfungstädter Brauerei 2020 aus dem Biergeschäft geflüchtet und hatten das innerstädtische Areal an das Family Office des Mannheimer Unternehmers Daniel Hopp und den Dossenheimer Projektentwickler Conceptaplan verkauft. Sie entwickeln – wie in Frankfurt auf dem Henninger-Gelände geschehen – das neue Wohnquartier „Stadtgärten“. 

2023: Jahr der Entscheidung für Pfungstädter

Derweil geht das Tauziehen um die Pfungstädter Brauerei weiter. Nachdem sich der Pforzheimer Bierbrauer Wolfgang Scheidtweiler von seinen Fortführungsplänen zurückgezogen hatte, war Uwe Lauer auf den Plan getreten. Der Mittelständler aus dem benachbarten Ober-Beerbach wollte als branchenneuer Quereinsteiger anfangs die Brauerei außerhalb der Pfungstädter City neu aufbauen. Jetzt aber sieht Lauer den Verbleib am Traditionsort als unabdingbar an, weil die Wasserrechte für die vier Quellen an den Brauort gebunden seien. Eine Bürgerinitiative „Brauen statt Bauen“ steht an seiner Seite und hat im Rathaus bereits mehr als 4.600 Unterschriften übergeben. Sie will mit einem Bürgerbegehren unmittelbar Einfluss auf den Zukunftserhalt der Brauerei auf dem final verkauften City-Gelände nehmen. 

Tatsächlich erlebte die Pfungstädter Brauerei ähnlich wie auch Binding in Frankfurt eine erhebliche Mengenerosion. Zwischen 2016 und 2018 sank der Ausstoß laut Bundesanzeiger von 232.000 auf 191.000 Hektoliter, der neue Betreiber geht von einem realistischen Brauvolumen von rund 150.000 Hektolitern aus. Während für die Binding-Brauerei die Würfel fürs nächste Jahr schon gefallen sind, dürfte für die Pfungstädter Brauerei 2023 zum Jahr der Entscheidung werden.

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Hessen bald Schlusslicht beim Bierabsatz

Durch die Schließung der Binding-Braustätte (wir berichteten) könnte Hessen beim Bierabsatz Schlusslicht der deutschen Brauwirtschaft werden. Mit einem angekündigten Verlust des Frankfurter Ausstoßvolumens von rund 600.000 Hektolitern dürfte Hessen als erstes Bundesland unter die landesweite Braumenge von einer Million Hektoliter rutschen – so wenig wie in keinem anderen Bundesland. 

1995 kamen noch 5,88 Millionen Hektoliter aus hessischen Sudkesseln, 2021 waren es gerade noch 1,51 Millionen Hektoliter. Und der Substanzverlust geht weiter, auch bei der Pfungstädter Brauerei brodelt es: Die Käufer des innerstädtischen Brauereigeländes haben den Pachtvertrag mit dem Betreiber der Brauerei zum Jahresende 2023 gekündigt. Rund 150.000 Hektoliter stehen im Feuer.

Nur noch wenige relevante Brauer in Hessen

Tatsächlich bleiben in Hessen nur noch wenige mengenrelevante Anbieter übrig. Allen voran die Licher Brauerei („Aus dem Herzen der Natur“), die in Nordhessen als Tochter der Bitburger Braugruppe in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten jedoch ebenfalls erheblich an Menge verloren hat. Der rettende Notanker für eine Auslastung der Licher-Anlagen kam aus der Bitburger Zentrale: Die Eifeler Brauer nutzen die freigewordenen Kapazitäten inzwischen, um dort die Marke Benediktiner zu brauen. Weil Bitburger eine eigene Weißbiermarke fehlte, war die Braugruppe frühzeitig an die Benediktinerabtei Ettal im Landkreis Garmisch-Partenkirchen herangetreten und hatte einen Lizenzvertag vereinbart.

Auch bei Binding hatte die Radeberger Gruppe, ein Tochterunternehmen von Dr. Oetker, angesichts schwindender Mengen der Heimatmarken Binding und Henninger über Jahre hinweg ebenfalls auf andere Konzernmarken gesetzt. So wurden in der Mainmetropole die Marken Schöfferhofer und Clausthaler Alkoholfrei gebraut und so die freien Braukapazitäten genutzt.

Proteste halten sich in Grenzen

Nach Bekanntwerden der Standortschließung hält sich der Protest von Politik und Bürgern derweil in Grenzen. Die Unmutskundgebungen zum Verlust der Frankfurter Braukompetenz fürs Römer Pils („RöPi“) fallen mäßig aus. Lediglich beim Spiel von Eintracht Frankfurt gegen den 1. FC Union Berlin war ein Transparent zu sehen: „Dir und mir, Binding Bier. Brauerei erhalten!“ Weil aber Krombacher der Biersponsor der Eintracht ist, halten die Fußballfans, während sie ihre Sympathie für ihr Heimatbier dokumentieren, den Becher mit Krombacher Pils in der Hand – so sieht die Wirklichkeit des Biermarktes aus. 

Teile der Frankfurter Politik fordern nach der Schließung der Binding Brauerei den Erhalt des Gewerbegebietes an der Darmstädter Landstraße, doch angesichts des knappen Wohnraums könnten nach einer ganz oder teilweisen Umwidmung und dem Flächenverkauf erhebliche Mittel in die Kasse von Oetkers Biersparte gespült werden. Beim Binding-Gelände handelt es sich um eine der letzten innerstädtischen Konversionsflächen der Mainmetropole. 

Entwicklung des Henninger-Geländes als Blaupause

Wie sich traditionsreicher Brauereigrundbesitz millionenschwer versilbern lässt, konnte das Radeberger Management jahrelang aus den Fenstern ihrer Firmenzentrale beobachten – die einstmaligen Henninger-Eigentümer lieferten die Blaupause. Gleich nebenan hatte die Actris Beteiligungs GmbH & Co. KG, die sich im Besitz von SAP-Gründer Dietmar Hopp und seinen Söhnen befindet, das gesamte Henninger Brauereigelände umgewidmet und neu entwickelt. Der einstmals dominante Henninger Turm – das Malzsilo mit Aussichtsplattform – wurden abgerissen und durch einen Wohnturm ersetzt. Das einstige Brauereigeschäft, vornehmlich aus den Hinterlassenschaften der klammen März-Gruppe zusammengeführt, hatte die vormalige Actris AG längst aufgegeben. Oetkers Biersparte hatte Marken- und Vertriebsrechte sowie die brautechnische Ausstattung übernommen.

Mit den gleichen Eigentümern hat es inzwischen das gut 40 Kilometer entfernte Pfungstadt zu tun. Dort waren die 97 Gesellschafter der traditionsreichen Pfungstädter Brauerei 2020 aus dem Biergeschäft geflüchtet und hatten das innerstädtische Areal an das Family Office des Mannheimer Unternehmers Daniel Hopp und den Dossenheimer Projektentwickler Conceptaplan verkauft. Sie entwickeln – wie in Frankfurt auf dem Henninger-Gelände geschehen – das neue Wohnquartier „Stadtgärten“. 

2023: Jahr der Entscheidung für Pfungstädter

Derweil geht das Tauziehen um die Pfungstädter Brauerei weiter. Nachdem sich der Pforzheimer Bierbrauer Wolfgang Scheidtweiler von seinen Fortführungsplänen zurückgezogen hatte, war Uwe Lauer auf den Plan getreten. Der Mittelständler aus dem benachbarten Ober-Beerbach wollte als branchenneuer Quereinsteiger anfangs die Brauerei außerhalb der Pfungstädter City neu aufbauen. Jetzt aber sieht Lauer den Verbleib am Traditionsort als unabdingbar an, weil die Wasserrechte für die vier Quellen an den Brauort gebunden seien. Eine Bürgerinitiative „Brauen statt Bauen“ steht an seiner Seite und hat im Rathaus bereits mehr als 4.600 Unterschriften übergeben. Sie will mit einem Bürgerbegehren unmittelbar Einfluss auf den Zukunftserhalt der Brauerei auf dem final verkauften City-Gelände nehmen. 

Tatsächlich erlebte die Pfungstädter Brauerei ähnlich wie auch Binding in Frankfurt eine erhebliche Mengenerosion. Zwischen 2016 und 2018 sank der Ausstoß laut Bundesanzeiger von 232.000 auf 191.000 Hektoliter, der neue Betreiber geht von einem realistischen Brauvolumen von rund 150.000 Hektolitern aus. Während für die Binding-Brauerei die Würfel fürs nächste Jahr schon gefallen sind, dürfte für die Pfungstädter Brauerei 2023 zum Jahr der Entscheidung werden.

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