Die Haus Cramer Gruppe schließt die Herforder Brauerei in Hiddenhausen im Kreis Herford und hat die Produktion von „Herforder Pils“ nach Warstein verlagert. Der Markenname Herforder bleibt. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob die Bezeichnung bei Verbrauchern weiterhin den Eindruck erweckt, das Bier werde im Raum Herford gebraut. Für die Haus Cramer Gruppe ist das Thema nicht neu: Schon früher musste sie sich mit der geografischen Herkunft einer Biermarke juristisch auseinandersetzen.
In der Herforder Brauerei in Hiddenhausen endet nach mehr als 140 Jahren die Produktion. Der letzte Sud wurde im Juni gebraut, inzwischen werden die Biere im rund 105 Kilometer entfernten Warstein hergestellt und abgefüllt. Mit dem Standort verliert die Region nicht nur einen traditionsreichen Braubetrieb. „Herforder Pils“ war über Jahrzehnte eng mit dem Kreis Herford verbunden und prägte Schützenfeste und Kneipen zwischen Bielefeld und Minden.
Neben Herforder verlagert die Haus Cramer Gruppe auch die Produktion weiterer Marken nach Warstein. Dazu gehören die Handelsmarken Traugott Simon und Oscar Maxxum sowie Salitos. In Warstein werden bereits Frankenheim sowie die im Lohnauftrag produzierten Marken Efes und Tyskie gebraut.
Restrukturierer übernimmt die Führung
Hinter der Verlagerung stehen wirtschaftliche Gründe. Rückläufige Absätze, Überkapazitäten, sinkender Bierkonsum und hoher Kostendruck zwingen die Haus Cramer Gruppe zu einer stärkeren Bündelung ihrer Produktion. Warstein soll zum zentralen Produktions- und Logistikstandort der nordrhein-westfälischen Brauereien der Gruppe werden.
Die Produktionsbündelung fällt in eine Phase tiefgreifender Veränderungen bei der Haus Cramer Gruppe. Seit dem 23. Juli steht Bodo-Joachim Wendenburg als CEO und Chief Restructuring Officer an der Spitze des Unternehmens (wir berichteten). Er übernimmt den Vorsitz der Geschäftsführung und soll den Umbau mit Fokus auf Liquidität und Ergebnis steuern. Wendenburg hatte die Gruppe zuvor bereits mehrere Monate beraten.
Mit seinem Eintritt zieht sich Inhaberin Catharina Cramer aus operativen Themen zurück. Sie will sich künftig auf ihre Rolle als Gesellschafterin und das „Family Office“ konzentrieren. Die Haus Cramer Gruppe ordnet damit nicht nur ihre Brauereistandorte neu, sondern auch die Verantwortung an der Unternehmensspitze.
Integration erhöht die Komplexität
Mit der Produktion aus Hiddenhausen kommen in Warstein zusätzliche Marken, Gebinde und kleinere Losgrößen hinzu. Dazu zählen unter anderem 30er-Mehrwegkästen für Oscar Maxxum sowie 27er-Mehrwegkästen für Herforder und Traugott Simon. Die größere Gebindevielfalt erhöht die Komplexität in Abfüllung und Logistik und dürfte die Effizienz zumindest in der Anlaufphase belasten.
Technik-Geschäftsführer Jens Hoffmann wird die weitere Bündelung der nordrhein-westfälischen Produktion noch bis zum Jahresende begleiten. Zum 1. Januar 2027 wechselt er als Geschäftsführer Technik und Umwelt zur Bitburger Braugruppe. Sollte bis dahin kein Käufer für die Paderborner Brauerei gefunden werden, soll auch deren Produktion eingestellt und Paderborner Pilsener künftig in Warstein gebraut werden.
Bei Herforder Pils geht es jedoch nicht nur um Abfüllung und Logistik. Die Verlagerung berührt auch die regionale Bindung der Marke, mögliche geschmackliche Veränderungen und eine rechtliche Frage: Darf das Bier weiterhin unter dem Namen Herforder Pils vermarktet werden, obwohl es inzwischen in Warstein gebraut wird? Die Haus Cramer Gruppe will Marke, Namen und regionales Erscheinungsbild weitgehend beibehalten. In sozialen Netzwerken sorgt das bereits für Kritik. Zudem stellt sich die Frage, ob die Kennzeichnung mit den Grundsätzen vereinbar ist, die der Bundesgerichtshof zur geografischen Herkunft von Bier entwickelt hat.
Kritik in der Region
In sozialen Netzwerken verweisen Verbraucher auf die enge Verbindung der Marke mit Herford und erinnern an die früheren Pferdegespanne der Brauerei sowie an den „Conti“-Träger mit zehn Steinie-Flaschen. Wie groß die Ablehnung in der Region tatsächlich ist, lässt sich aus einzelnen Kommentaren allerdings nicht ableiten.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die Debatte durch eine Verkostung der „Neuen Westfälischen“. Da zeitweise noch Ware aus Hiddenhausen und bereits in Warstein gebrautes Herforder Pils im Handel erhältlich waren, verglichen Redakteure beide Varianten. Nach Einschätzung der Zeitung waren geschmackliche Unterschiede feststellbar. Das in Warstein gebraute Bier sei nicht schlechter, habe aber anders geschmeckt als das bisherige Produkt.
Die Aussagekraft eines solchen Vergleichs ist allerdings begrenzt. Sofern die in Hiddenhausen gebraute Probe früher abgefüllt worden war als die Ware aus Warstein, könnte bereits der Altersunterschied den Geschmack beeinflusst haben. Auch unterschiedliche Lagerbedingungen im Handel können den Geschmack verändern.
Etikett nennt neuen Brauort
Mit der Produktionsverlagerung hat die Haus Cramer Gruppe auch das Erscheinungsbild der Flasche angepasst. Das bisherige ovale Etikett wurde durch ein rechteckiges ersetzt, das bisherige Reflexetikett durch ein mattes Papieretikett. Zudem wurde das Herforder Stadtwappen auf der Vorderseite durch eine stilisierte Brauereidarstellung ersetzt. Neu ist auch der Hinweis „Gebraut im Sauerland“.

Auf der Vorderseite verweist der Hinweis „Bitte Rückseite beachten“ auf weitere Angaben. Das Rückenetikett nennt die Waldparkbrauerei in Warstein als Braustätte. Mit diesen Änderungen macht das Unternehmen den neuen Produktionsstandort kenntlich. Zugleich bleibt die Marke unter dem Namen „Herforder Pils“ und mit wesentlichen Elementen ihres bisherigen Markenauftritts erhalten. Ob die Hinweise rechtlich ausreichen, dürfte letztlich davon abhängen, wie Gerichte die Herkunftserwartung der Verbraucher beurteilen.
Warsteiner vor dem BGH
Ein vergleichbarer Fall beschäftigte die Warsteiner Brauerei bereits in den 1990er-Jahren. Nach dem Erwerb der rund 40 Kilometer entfernten Paderborner Brauerei im Herbst 1990 ließ das Unternehmen dort bis Ende 1991 die Sorten „Warsteiner Premium Light“ und „Warsteiner Premium Fresh“ brauen. Ein Wettbewerbsverband beanstandete, dass die Biere weiterhin unter dem Namen „Warsteiner“ vertrieben wurden.
Der Rechtsstreit ging durch mehrere Instanzen, beschäftigte zwischenzeitlich auch den Europäischen Gerichtshof und endete am 19. September 2001 vor dem Bundesgerichtshof. Die Richter stuften „Warsteiner“ als geografische Herkunftsangabe ein. Nach einer im Verfahren vorgelegten Verbraucherbefragung ging die Hälfte der Befragten davon aus, dass ein Bier mit diesem Namen in Warstein gebraut werde.
Dennoch wies der BGH die Klage ab. Auf dem Rückenetikett hatte das Unternehmen darauf hingewiesen, dass das Bier „in unserer neuen Paderborner Brauerei“ gebraut werde. Diesen Hinweis hielt das Gericht im Rahmen einer Gesamtwürdigung für ausreichend. Dabei berücksichtigte es auch das Interesse des Unternehmens, die bekannte und geschützte Marke „Warsteiner“ für Bier aus einer weiteren Produktionsstätte zu verwenden, sowie den Umstand, dass Unternehmenssitz und Leitung in Warstein verblieben.
BGH-Urteil gibt keine eindeutige Antwort
Das Urteil begründet keine allgemeine Regel, wonach ein Hinweis auf der Rückseite stets genügt. Der BGH bewertete die damalige Kennzeichnung im Rahmen einer Gesamtwürdigung und berücksichtigte weitere Umstände des Einzelfalls. Für Herforder Pils liefert die Entscheidung daher Anhaltspunkte, aber keine eindeutige Antwort.

Für Herforder Pils wird es darauf ankommen, welchen Gesamteindruck die Flasche bei einem durchschnittlich informierten und aufmerksamen Verbraucher hervorruft. Für eine klarstellende Wirkung sprechen die Hinweise auf das Sauerland und die Warsteiner Braustätte sowie der Verzicht auf das bisherige Herforder Stadtwappen. Offen bleibt, ob der weiterhin hervorgehobene Markenname „Herforder“ dennoch eine so starke Erwartung an den Brauort weckt, dass die ergänzenden Angaben nicht ausreichen. Eine verlässliche Antwort könnte letztlich nur eine konkrete rechtliche Prüfung oder eine gerichtliche Entscheidung liefern.
Regionalität trifft Effizienzdruck
Die Verlagerung von Herforder Pils nach Warstein zeigt exemplarisch ein Dilemma der zunehmenden Konzentration in der deutschen Brauwirtschaft. Auf der einen Seite steht der Zwang zu maximaler Effizienz und zentralisierter Produktion in industriellen Großbetrieben. Auf der anderen Seite lebt die Vermarktung von Bier wie kaum ein anderes Lebensmittel von Emotionen, Heimatliebe und dem Versprechen lokaler Identität.
Für die Haus Cramer Gruppe beschränkt sich die Herausforderung deshalb nicht auf die technische Integration der Marke und die rechtssichere Gestaltung des Etiketts. Entscheidend wird auch sein, ob Verbraucher und Gastronomie Herforder Pils trotz des veränderten Brauorts weiterhin als glaubwürdige Regionalmarke akzeptieren. Die Hinweise „Gebraut im Sauerland“ und „Waldparkbrauerei Warstein“ informieren über den Produktionsort. Sie schließen jedoch nicht aus, dass ein Teil der bisherigen Kundschaft die Verlagerung als Bruch mit der Geschichte und Identität der Marke empfindet.
Für die Haus Cramer Gruppe geht es damit nicht nur um Effizienz, sondern auch um die Frage, wie viel regionale Glaubwürdigkeit eine Marke nach dem Verlust ihres bisherigen Braustandorts bewahren kann. Am Ende könnten vor allem die treuen Kunden in Ostwestfalen über die Zukunft der Marke entscheiden, ganz ohne Gerichtssaal. Sie stimmen an der Supermarktkasse und in der Gastronomie ab.
Wettbewerber wittern Chancen
Die Privatbrauerei Ernst Barre bringt sich bereits in Stellung. Von Lübbecke aus ist sie nahe am angestammten Herforder-Markt und dürfte versuchen, zusätzliche Absatzmengen und Gastronomiekunden zu gewinnen. Nach Ansicht von Christoph Barre haben mehrere Faktoren zum Niedergang der Herforder Brauerei beigetragen. Der kontinuierliche Verlust von Marktanteilen habe es überregionalen Großbrauereien ermöglicht, in den heimischen Markt vorzudringen. Fehler des Warsteiner-Managements hätten die Entwicklung anschließend verschärft.
Zu den überregionalen Wettbewerbern, die ihre Präsenz in Ostwestfalen ausgebaut haben, gehört Krombacher. Die Brauerei aus dem Siegerland arbeitet seit der Saison 2004/2005 mit Arminia Bielefeld zusammen und hat die Partnerschaft zuletzt langfristig verlängert. Damit stärkt sie ihre Verankerung in einer Region, in der Herforder lange als heimische Biermarke gesetzt war.
Auch die Privat-Brauerei Strate in Detmold könnte von der Verlagerung profitieren. Wie viele zusätzliche Hektoliter tatsächlich zu Wettbewerbern wechseln, bleibt allerdings offen. Entscheidend wird sein, ob Verbraucher und Gastronomie Herforder Pils auch ohne den Braustandort Hiddenhausen treu bleiben.
Sollte bis zum Jahresende kein Käufer für die Paderborner Brauerei gefunden werden und die Produktion nach Warstein wechseln, könnte sich das Markendilemma der Haus Cramer Gruppe weiter verschärfen. Trüge auch Paderborner Pilsener künftig den Hinweis „Gebraut im Sauerland“, stellte sich die Frage, ob die Produktion des Preiseinstiegsbiers in Warstein das Premiumimage von Warsteiner Pils beschädigt.























































































