Künstliche Intelligenz hält Einzug in die Welt der Getränke. Doch wo bringt sie echten Nutzen? Tim Fölting, geschäftsführender Gesellschafter von Copa Systeme, spricht im Interview mit Getränke News über virtuelle Mitarbeiter, praxisnahe KI-Anwendungen und darüber, wie KI zum Motor für Wachstum werden kann.

Getränke News: Künstliche Intelligenz wird aktuell auch in der Getränkebranche heiß diskutiert. Wo stehen wir aus Ihrer Sicht derzeit?
Fölting: Der erste große KI-Hype hat sich etwas gelegt. Die Fortschritte sind weiterhin da, nur nicht mehr in dem atemberaubenden Tempo wie zu Beginn. Jetzt geht es für viele Unternehmen um die entscheidende Frage: Wo lässt sich KI tatsächlich sinnvoll einsetzen? Klar ist jedenfalls: Sie ist kein Allheilmittel – und sie wird auch nicht dazu führen, dass plötzlich massenhaft Arbeitsplätze verschwinden.
Getränke News: Welche Prozesse eignen sich Ihrer Erfahrung nach für den Einsatz von KI in der Getränkebranche?
Fölting: Besonders Tätigkeiten, die sich häufig wiederholen und nicht zu komplex sind. Ein Beispiel ist die Buchhaltung – hier kann KI die Prozesse beschleunigen und effizienter machen. Sehr spannend ist auch ein Modul, das wir entwickelt haben, für die automatische Prüf- und Auftragsannahme im Getränkefachgroßhandel. Wenn ein Gastronom beispielsweise nachts um drei Uhr bestellt, prüft unser KI-Modul die Bestellung anhand von Fragen. Ist alles plausibel, geht der Auftrag direkt in die Kommissionierung – ohne dass ein Mitarbeiter die Auftragsbestätigung noch einmal manuell erfassen muss. Das spart Zeit, Arbeitskraft und damit auch Geld.
Getränke News: Sie sprechen die Arbeitskraft an. Ist das die Hauptmotivation für den KI-Einsatz?
Fölting: Absolut. Der Fachkräftemangel ist in unserer Branche ein Dauerthema. KI ersetzt keine ganzen Belegschaften, aber sie hilft, offene Stellen zu besetzen.
Getränke News: Gilt das auch für Ihr eigenes Unternehmen?
Fölting: Ja, wir wollen über KI wachsen und setzen sie gezielt in bestimmten Prozessen ein. Dabei messen wir, wie viel Arbeitszeit ein Mensch für die jeweilige KI-Tätigkeit benötigen würde. Ab 40 Stunden pro Woche betrachten wir die KI als einen „virtuellen Mitarbeiter“. In unserem Organigramm sind inzwischen bereits zwei solcher KI-Kollegen fest verankert – mit leicht verfremdeten Namen verdienter Mitarbeiter, die in den Ruhestand gegangen sind. So wird beispielsweise aus Heinz Becker der KI-Mitarbeiter HAInz BeckAIr. Auf diese Weise machen wir unser Wachstum durch den Einsatz von KI sichtbar.
Getränke News: Sollen mittelfristig auch Mitarbeiter durch KI ersetzt werden?
Fölting: Nein, darum geht es uns nicht. Wir wollen weiter wachsen und sehen in KI die Chance, bestehende Mitarbeiter zu entlasten und zusätzliche Kapazitäten für neue Projekte zu schaffen – etwas, das angesichts des Fachkräftemangels sonst kaum möglich wäre. Unser Ziel ist, dass langfristig etwa zehn Prozent unserer Belegschaft aus virtuellen KI-Mitarbeitern bestehen. Die Zahl der realen Beschäftigten soll dadurch jedoch nicht sinken.
Getränke News: Wenn KI eines Tages die Softwareentwicklung vollständig übernehmen sollte – was bedeutet das für Unternehmen wie Ihres?
Fölting: Unsere Kernkompetenz liegt in der ganzheitlichen Beratung unserer Kunden. Wir fahren zu unseren Kunden, analysieren die Abläufe vor Ort und entwickeln maßgeschneiderte Lösungen. Dieses Element der Unternehmensberatung kann keine KI ersetzen – im Gegenteil: Es wird künftig noch exklusiver und damit auch wertvoller werden. Denn einfache Dienstleistungen oder wiederkehrende Schulungen lassen sich zunehmend automatisieren. Was bleibt, ist die individuelle Begleitung. Und genau dort steigt der Bedarf: Viele Mitarbeiter sind mit den Systemen weniger vertraut, der Blick über den Tellerrand geht verloren – hier bringen wir unseren Mehrwert ein.
Getränke News: Sie treten damit aber in Konkurrenz zu großen Softwareanbietern wie SAP oder Microsoft…
Fölting: Die großen Anbieter fahren nicht zu mittelständischen Brauereien oder Getränkefachgroßhändlern. Wir dagegen tun genau das – und darin liegt unser entscheidender Unterschied. Außerdem sehen wir: Die einfachsten Dienstleistungen lassen sich künftig immer schwerer verkaufen, weil sie standardisierbar sind. Komplexere Dienstleistungen hingegen werden gefragter sein denn je – genau hier spielt unsere Nähe zum Kunden ihre Stärke aus.
Getränke News: Kann KI beim GFGH oder in Brauereien auch in der direkten Kundenbetreuung – etwa im Außendienst – eine Rolle spielen?
Fölting: Das hängt stark vom Geschäftsmodell ab. Für einen Getränkefachgroßhandel, der vielleicht nachts erreichbar sein muss, kann ein KI-gestützter Telefonservice durchaus sinnvoll sein. Bei einer regional tätigen Brauerei sehe ich das anders. Dort lebt das Geschäft von den engen Kontakten zwischen Außendienst und Kunden – und genau diese persönliche Nähe ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber den Großbrauereien. Ein regionaler Brauereivertreter, der seine Kunden kennt und Vertrauen aufgebaut hat, darf nicht durch ein KI-System ersetzt werden. Diese Stärke muss erhalten bleiben.
Getränke News: Manche Unternehmen setzen KI bereits sehr breit ein, andere zögern noch. Wie erleben Sie die Branche insgesamt?
Fölting: Entscheidend ist für jedes Unternehmen zunächst die Frage: Wo liegt meine Kernkompetenz? Was bin ich, was will ich sein – und warum kaufen Kunden bei mir? Jeder Getränkefachgroßhandel, jede Brauerei und jeder Mineralbrunnen sollte idealerweise das für sich beantworten. Die großen Fachgroßhändler sind in der Digitalisierung schon sehr weit und arbeiten daran, ihre Prozesse noch stärker zu optimieren. Viele kleinere Betriebe arbeiten dagegen teilweise noch mit Stift und Zettel. Ohne Digitalisierung aber funktioniert KI nicht. Erst wenn Daten vorliegen, lassen sich diese mit Kaufverhalten, Wetterprognosen, Feiertagen oder Festen verknüpfen – und daraus konkrete Vorhersagen für Bestellungen oder bessere Produktplatzierungen im Getränkefachmarkt ableiten.
Getränke News: Klingt so, als sei KI für die Branche noch ein Experimentierfeld?
Fölting: Ja, wir befinden uns in einer frühen Phase. KI ist noch nicht tausendfach erprobt oder in Fachbüchern abgehandelt. Es braucht Pioniergeist, und man darf keine Angst vor rechtlichen Grauzonen haben. Manchmal gibt es keine eindeutigen Antworten, da muss man mutig sein und ausprobieren. Wichtig bleibt: Wer eine echte Kernkompetenz hat, muss sich keine Sorgen machen.
Getränke News: Während Unternehmen auf Chancen durch KI schauen, haben viele Mitarbeiter eher Angst um ihren Arbeitsplatz. Können Sie diese Sorgen nachvollziehen?
Fölting: Unsere Kunden sind in der Regel neugierig und fragen nach praktischen Anwendungsbeispielen – etwa einer automatisierten Leergutzählung oder der Prozessoptimierung in der Buchhaltung. Bei den Mitarbeitern ist die Stimmung oft anders: Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz, deutlich mehr, als ich erwartet hätte. Ich sehe das jedoch nicht so dramatisch. Wir werden keine Massenarbeitslosigkeit erleben. Sicher, einige klassische Bürotätigkeiten werden wegfallen. Gleichzeitig entstehen aber Chancen für Berufe, die KI nicht ersetzen kann – etwa im Handwerk, in der Pflege oder bei der Polizei. Diese Tätigkeiten werden an Bedeutung gewinnen und besser bezahlt werden. Das könnte unsere Gesellschaft am Ende sogar stärken.
Getränke News: Welche Veränderungen erwarten Sie durch KI in den kommenden Jahren – auch jenseits der Getränkebranche?
Fölting: KI wird ganze Branchen grundlegend verändern. Übersetzungsbüros oder kleine Grafikagenturen etwa werden es schwer haben, weil Übersetzungen oder Layouts durch KI schneller und kostengünstiger erstellt werden können. Auch in Bereichen wie Steuerberatung oder Jura wird KI die erste Instanz übernehmen, bevor der Fachmann hinzugezogen wird. Das heißt: Routinearbeiten verschwinden, während die echten Profis, die über den Tellerrand hinausdenken und kreative Lösungen entwickeln, gefragter sein werden denn je.
Auch in der Gastronomie erleben wir das bereits: Service-Roboter amortisieren sich schnell und übernehmen einfache Aufgaben. Aber der Kellner, der den Gast umsorgt und ein Erlebnis schafft, wird dadurch noch wertvoller – und kann künftig besser bezahlt werden. Ähnliches gilt im Handel: In Einkaufszentren werden automatische Kassen das Bild prägen. Das ist zwar mehr Digitalisierung als KI, zeigt aber, wie stark sich Arbeitswelten verschieben.
Veränderungen sehe ich auch in Medizin und Bildung. In der Radiologie etwa kann KI Bildmaterial oft präziser auswerten als Menschen. Und beim Lernen werden Systeme wie ChatGPT Schülern Themen jederzeit individuell erklären können – Nachhilfeangebote werden dadurch weniger wichtig.
Und nicht zuletzt wird auch der öffentliche Sektor betroffen sein: Viele Vorgänge in Ämtern oder Krankenkassen lassen sich automatisieren. Selbst die Filmbranche bleibt nicht verschont – Synchronisation etwa kann KI heute schon sehr überzeugend übernehmen.
Getränke News: Kritiker warnen vor den Gefahren von KI. Wie sehen Sie das?
Fölting: Natürlich gibt es Risiken. Wenn Menschen Ergebnisse ungeprüft übernehmen, kann das gefährlich werden. KI liefert nicht die Wahrheit, sondern die wahrscheinlichste Antwort auf Basis vorhandener Daten. Deshalb muss jedes Ergebnis überprüft werden – genauso wie die Arbeit eines Mitarbeiters. Problematisch wird es dort, wo niemand mehr diesen Kontrollschritt übernimmt. Wenn KI irgendwann wie eine Suchmaschine genutzt wird und die Menschen ihre Ergebnisse nicht mehr hinterfragen, entsteht tatsächlich eine Gefahr.
























































































