Der Getränkefachgroßhandel (GFGH) gerät wirtschaftlich immer stärker unter Druck. Sinkende Absätze, steigende Kosten und fehlendes Fahrpersonal belasten viele Betriebe. Getränke News sprach mit Dirk Reinsberg, geschäftsführender Vorstand des GFGH-Bundesverbandes, über schrumpfende Margen, ausbleibende Investitionen und die politischen Weichenstellungen, die die Branche jetzt braucht.

Getränke News: Bei der aktuellen Konjunkturumfrage Ihres Verbandes berichten sechs von zehn Unternehmen von sinkenden Erträgen. Was sagt diese Zahl über die tatsächliche wirtschaftliche Lage im Getränkefachgroßhandel aus?
Reinsberg: Die wirtschaftliche Schwäche ist längst kein Problem einzelner Branchen mehr. Sie zieht sich durch weite Teile der deutschen Wirtschaft. Der Getränkefachgroßhandel ist grundsätzlich krisenfest. Aber auch bei unseren Unternehmen zeigen die anhaltende Konsumzurückhaltung und die steigenden Kosten inzwischen deutlich Wirkung. Der Kostendruck nimmt zu und frisst immer stärker die Margen auf.
Eine Verbesserung der Konsumstimmung ist nicht zu erkennen. Selbst die hohen Temperaturen und die Fußball-Weltmeisterschaft haben bislang keinen signifikanten Nachfrageschub ausgelöst. Viele Menschen halten ihr Geld zusammen. Das zeigt sich besonders bei zusätzlichen Ausgaben, etwa in der Gastronomie.
Getränke News: 44,2 Prozent der Betriebe melden rückläufige Umsätze, noch mehr berichten von sinkenden Erträgen. Wo entsteht der größte Druck: bei den Absatzmengen, bei den Kosten oder bei den Margen?
Reinsberg: Es ist ein Zusammenspiel aller drei Faktoren. Durch die Konsumzurückhaltung gehen die Absatzmengen zurück. Gleichzeitig steigen die Kosten, insbesondere für Personal, Transport und Logistik. Viele dieser Mehrkosten lassen sich nicht vollständig an die Kunden weitergeben.
Dadurch geraten die ohnehin geringen Margen zusätzlich unter Druck. Genau das macht die Situation so schwierig: weniger Absatz, höhere Kosten und sinkende Margen kommen gleichzeitig zusammen.
Getränke News: 2024 wurde das Geschäftsergebnis noch deutlich besser bewertet. Was hat sich aus Ihrer Sicht seitdem am stärksten verändert?
Reinsberg: Zum einen sind zahlreiche Kosten weiter gestiegen. Das betrifft vor allem Personal, Transport und Logistik, aber auch den Diesel. Noch stärker spüren wir jedoch die gewachsene wirtschaftliche Unsicherheit. Sie belastet die Konsumstimmung erheblich.
Die Menschen werden seit Monaten mit negativen Nachrichten konfrontiert: Werksschließungen in der Automobilindustrie, steigende Insolvenzzahlen und eine insgesamt schwache wirtschaftliche Entwicklung. Das führt dazu, dass viele Verbraucher das Geld, das ihnen zur Verfügung steht, lieber zusammenhalten statt auszugeben.
Auch den Unternehmen fehlt Planungssicherheit. Die Bundesregierung hatte einen Herbst der Reformen angekündigt. Inzwischen ist mehr als ein halbes Jahr vergangen, ohne dass es tiefgreifende Veränderungen gegeben hätte. Im Gegenteil: Die Stimmung hat sich weiter verschlechtert. Viele Unternehmer wissen bis heute nicht, welche Reformen tatsächlich kommen und wie es in den nächsten Monaten weitergeht. Das bremst auch die Investitionsbereitschaft.
Was derzeit fehlt, ist ein Signal, das Menschen und Unternehmen wieder Vertrauen in eine erfolgreiche wirtschaftliche Zukunft gibt. Einen Silberstreif am Horizont sehe ich momentan leider nicht.
Getränke News: Viele Unternehmen investieren trotz schwieriger Lage weiter. Ist das vor allem Pflicht, weil Fuhrpark, Lager und Technik erneuert werden müssen, oder sehen Sie auch noch echten Wachstumswillen?
Reinsberg: Beides spielt eine Rolle. Den größten Anteil machen weiterhin Ersatzinvestitionen aus. Fahrzeuge, Lagertechnik und andere betriebliche Anlagen müssen erneuert werden, damit die Unternehmen leistungsfähig bleiben. Gleichzeitig haben aber auch die Erweiterungsinvestitionen zugenommen. Es gibt also durchaus Unternehmen, die wachsen und zusätzliche Kapazitäten aufbauen wollen.
Das hängt allerdings auch mit der fortschreitenden Konsolidierung des Marktes zusammen. Wenn Unternehmen ausscheiden und ihre Betriebe oder Kundenstrukturen von Wettbewerbern übernommen werden, wird häufig wieder in diese Geschäftsbereiche investiert. Besonders deutlich sehen wir das im Streckengeschäft. Dort fließt Geld in den Ausbau und die Modernisierung der Logistik. Gleichzeitig haben sich aber auch Unternehmen vollständig aus diesem Geschäft zurückgezogen.
Getränke News: Der Anteil der Unternehmen, die gar nicht mehr investieren, hat sich nahezu verdoppelt. Ab wann wird daraus ein Risiko für die Leistungsfähigkeit der Branche?
Reinsberg: Dass inzwischen 11,9 Prozent der Unternehmen vollständig auf Investitionen verzichten, ist ein deutliches Warnsignal. Es zeigt, wie groß der wirtschaftliche Druck auf Teile der Branche ist.
Kurzfristig lassen sich Investitionen möglicherweise aufschieben. Wer jedoch dauerhaft nicht in Fuhrpark, Lager, Technik oder Digitalisierung investiert, verliert an Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Irgendwann leidet darunter auch die Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Deshalb brauchen die Betriebe verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Nur dann können sie die notwendigen Investitionen wieder mit größerer Zuversicht angehen.
Getränke News: Im GFGH herrscht nach wie vor Fahrermangel. Wie stark gefährdet das inzwischen die zuverlässige Belieferung von Gastronomie, Handel und Veranstaltungen?
Reinsberg: Der Fahrermangel ist im Personalbereich unsere größte Herausforderung. Viele Unternehmen stoßen inzwischen an ihre Grenzen. Fehlendes Fahrpersonal begrenzt nicht nur das Wachstum, sondern zunehmend auch die Möglichkeiten, alle Kunden zuverlässig zu beliefern.
Wenn die Kapazitäten nicht ausreichen, müssen sich die Unternehmen stärker auf ihre größeren und wirtschaftlich bedeutenderen Kunden konzentrieren. Das kann dazu führen, dass kleinere Kunden seltener oder im Einzelfall gar nicht mehr beliefert werden. Sie haben dann das Nachsehen und müssen ihre Getränke selbst beschaffen.
Wir setzen uns deshalb seit vielen Jahren für Erleichterungen beim Berufskraftfahrerqualifikationsgesetz ein. Es sollte möglich sein, mit kleineren Lastwagen kurze regionale Liefertouren zu übernehmen, ohne dafür dieselben Anforderungen zu stellen wie im schweren Fernverkehr. Für eine solche Differenzierung haben wir bislang weder auf Bundes- noch auf europäischer Ebene ausreichende Unterstützung gefunden.
Dabei gibt es für sogenannte Handwerkerverkehre bereits Ausnahmen. Vereinfacht gesagt: Eine Badewanne darf unter bestimmten Voraussetzungen mit einem Lastwagen transportiert werden, eine Kiste Bier aber nicht. Wer Arbeitsplätze sichern und Wachstum ermöglichen will, hätte hier eine konkrete Möglichkeit, die Unternehmen zu entlasten.
Getränke News: Rund 65 Prozent der Unternehmen bewerten die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen negativ. Welche konkrete Entlastung müsste zuerst kommen?
Reinsberg: An erster Stelle steht ein konsequenter Bürokratieabbau. Die zahlreichen Dokumentations-, Nachweis- und Überprüfungspflichten binden erhebliche personelle Ressourcen. Von einer wirklichen Entlastung sind wir bislang weit entfernt. Beim Mittelstand ist von dem angekündigten Bürokratieabbau bislang wenig angekommen. Vor allem kleinere Unternehmen können diese Belastungen kaum noch bewältigen. Das betrifft unter anderem die Arbeitszeitdokumentation, Schulungs- und Nachweispflichten sowie zahlreiche Vorgaben für das Fahrpersonal.
Darüber hinaus brauchen die Betriebe ein steuerliches und wirtschaftliches Umfeld, in dem sich Investitionen lohnen und Arbeit bezahlbar bleibt.
Getränke News: Was entscheidet in den kommenden drei bis fünf Jahren darüber, ob der Getränkefachgroßhandel seine Rolle als Rückgrat der Getränkeversorgung behaupten kann?
Reinsberg: Entscheidend wird sein, ob die Unternehmen ausreichend Personal finden, investieren können und wirtschaftlich stark genug bleiben, um Gastronomie, Handel und Verbraucher zuverlässig zu versorgen.
Dabei geht es nicht nur um die Zukunft einzelner Betriebe, sondern auch um Versorgungssicherheit. Jeder Standort und jede Verkaufsstelle, die nicht mehr mit Getränken beliefert werden kann, fehlt am Ende in der regionalen Versorgung.























































































