Biermischgetränke sind heute fester Bestandteil des Marktes. Radler, Cola-Bier und andere Varianten haben die Braubranche geprägt, Trends gesetzt und Generationen begleitet. Getränke News blickt auf die Entwicklung des Segments und zeigt, warum es bis heute Impulse liefert.
Als in den 1990er-Jahren erstmals Biermischgetränke in den Handel kamen, war kaum abzusehen, welche Dynamik das Segment entfalten würde. Bis 1993 war die Herstellung durch Brauereien gesetzlich untersagt, Radler oder Cola-Bier wurden zuhause oder in der Gastronomie frisch gemischt. Mit der Reform des Biersteuergesetzes änderte sich das – fix und fertig abgefüllte Biermischungen in Flaschen und Dosen waren möglich. Der Grundstein für ein Segment, das sich seither mehrfach neu erfunden hat, war gelegt.
Biermix-Pionier ist die saarländische Karlsberg Brauerei, die 1996 mit Mixery das erste Cola-Bier auf den Markt brachte. Die Zielgruppe waren von Beginn an junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren, verankert in der Musik- und Eventkultur. „Von Anfang an positionierte sich Mixery als junge Marke mit einem starken Fokus auf die Kernzielgruppe der jungen Erwachsenen“, sagt Dr. Lukas Morbe, Market Insights und Sales Performance bei Karlsberg. Dabei habe sich Mixery immer authentisch mit der Musik -und Partykultur gezeigt. „Mixery wurde Teil einer Lebensweise und des Feiergeistes einer ganzen Generation“, so Morbe. Heute ist die Marke im Handel mit einem Marktanteil von 8,5 Prozent Marktführer. Im Segment der Biermischgetränke ohne Radler ist die Position noch deutlicher: Hier liegt der Marktanteil bei 21,5 Prozent.
Ebenfalls 1996 brachte Heineken mit Desperados (Bier mit Tequila-Flavour) ein internationales Konzept in den deutschen Handel. Es war der Beginn einer Experimentierphase mit neuen Aromen und Zielgruppenansprache. Zahlreiche Brauereien brachten jung positionierte Produkte auf den Markt.
Zweite Biermix-Welle ab 2001
2001 stieg auch die Brauerei Veltins mit ihrer Marke V+ in das Segment der jungen Biermixe ein, Krombacher brachte Cab. Der Markt wuchs rasant. Zweistellige Wachstumsraten prägten die Jahre bis Mitte des Jahrzehnts. „Biermixe hatten insbesondere in den Nullerjahren ihr absolutes Hoch und größtes Wachstumspotenzial“, erinnert sich Rainer Emig, Geschäftsführer Vertrieb bei Veltins. Die Brauerei setzte auf Sorten wie V+ Curuba und V+ Energy, die heute als Klassiker gelten.

Bis 2004 verzeichnete die Kategorie ein starkes Wachstum, bevor sich die Dynamik abschwächte. Parallel zu den neuen, jungen Biermix-Varianten legte auch das klassische Radler zu. Im Jahr 2004 erreichten Biermischgetränke einen Marktanteil von vier Prozent, bei einem Angebot von rund 400 verschiedenen Produkten.
2009 markierte mit einem Absatzrückgang von 3,1 Prozent den Übergang in eine Konsolidierungsphase. Der Marktanteil stabilisierte sich laut AC Nielsen bei 6,5 Prozent. Biermischgetränke entwickelten sich ab 2010 zum Mehrgenerationenprodukt, Radler gewann zunehmend an Bedeutung, während Cola- und Lemon-Mixe leicht zurückgingen. Flavour-Varianten wie Grapefruit oder Energy wuchsen auf 30 Prozent Marktanteil. Und auch die Dose, die 2003 nach der Einführung des Einwegpfandes weitgehend verschwand, legt seit Jahren wieder kontinuierlich zu.
Marktanteile bleiben stabil
Seit Beginn der 2010er-Jahre zeigt sich Biermix als „gereiftes“ Segment. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes stieg die Produktion alkoholhaltiger Mischungen zwischen 2014 und 2024 von 3,33 auf 3,64 Millionen Hektoliter – ein Plus von 9,3 Prozent. Damit erreichten Biermixe zuletzt einen Marktanteil von 6,1 Prozent. Parallel dazu hat sich der Absatz alkoholfreier Biere im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt. Auch alkoholfreie Mischgetränke legten deutlich zu.
„Tatsächlich ist der Marktanteil bei alkoholhaltigen Biermixen national in den letzten Jahren eher zurückgegangen, trotzdem gehört die Sorte weiterhin zu den wichtigen Größen im Gesamtbiermarkt, den wir seit inzwischen fast 25 Jahren in dieser Kategorie mitgestalten“, erklärt Rainer Emig. Nach dem Boom in den 2000er-Jahren habe sich die Nachfrage inzwischen auf einem sehr stabilen Niveau eingependelt. „Gerade in dieser Kategorie bringen neue Geschmacksrichtungen aber auch oft neue Absatzimpulse“, sagt Emig.

Nicht alle Produkte konnten sich behaupten. Krombacher Cab wurde eingestellt, ebenso V+ Apple. Andere wie Mixery Iced Blue, V+ Curuba, V+ Energy oder Schöfferhofer Grapefruit sind heute fest etabliert. Im Radlersegment, auf das zwei Drittel des Biermixmarktes entfallen, sind seit Jahren Krombacher, Mönchshof und Bitburger sehr erfolgreich, andere Großbrauer wie beispielsweise Erdinger sind inzwischen auf den Zug aufgesprungen. Im Segment der Naturradler prägt Heineken mit seiner Marke Gösser maßgeblich den Markt. Gösser Naturradler, 2010 eingeführt, war der erste bedeutende Anbieter in dieser Kategorie.
Alkoholfreie Varianten legen zu
Der Erfolg von Gösser inspirierte zahlreiche Nachahmer und sorgte für eine Verschiebung innerhalb des Segments: In den vergangenen Jahren waren es insbesondere die Naturradler, die stark nachgefragt wurden – und 2024 übertrafen sie erstmals die klassischen Varianten im Absatz. Grapefruit-Varianten folgen als zweitstärkste Geschmacksrichtung. Die stärkste Dynamik liegt jedoch im alkoholfreien Bereich. Alkoholfreie Mischungen gehören heute zu den Wachstumstreibern. Konsumenten schätzen die Kombination aus Frische, isotonischem Charakter und keinem Alkohol.
Bereits Anfang der 2000er tauchten die alkoholfreien Radler-Varianten auf, doch erst in den 2010er-Jahren setzte ein deutlicher Absatzschub ein. Große Marken etablierten 0,0 % als Standard. „Alkoholfreie Biere und Biermixe sind aus dem Sortiment der deutschen Brauwirtschaft nicht mehr wegzudenken“, sagt Rainer Emig. Veltins habe mit alkoholfreiem Radler und Fassbrausen erfolgreich auf veränderte Konsumgewohnheiten reagiert. „Sowohl für Radler 0,0 % als auch für Fassbrausen ist aus unserer Sicht noch Wachstumspotenzial vorhanden.“
Auch die Bitburger Braugruppe setzte sehr früh auf Biermix und verfolgt heute eine Doppelstrategie: Klassische Radler und Naturradler bleiben Volumentreiber, daneben sprechen Produkte wie die X²-Reihe gezielt jüngere Zielgruppen an – mit höherem Alkoholgehalt und moderner Optik. Vor allem bei Events komme die Reihe sehr gut an, heißt es. Auch die alkoholfreien Varianten wie beispielsweise Bitburger 0,0 % Grapefruit entwickeln sich lauf Braugruppe seit Jahren positiv.
Nachwachsende Zielgruppe im Fokus
Die Radeberger Gruppe beobachtet den Wandel im Portfolio genau. 2023 führte das Unternehmen testweise die Marke „Cyberz“ ein und wagte einen Schritt in Richtung einer neuen, jüngeren Zielgruppe. „Cyberz war ein Konzept, das wir ganz speziell für die Gen Z entwickelt hatten, das trotz guter Resonanz aus dem Markt aber letztendlich nicht unsere Markterwartungen erfüllen konnte“, erklärt Radeberger-Sprecherin Birte Kleppien. Cyberz schaffte es nicht aus der Testphase heraus und wurde eingestellt. „Wir haben über diesen Markttest und dieses besondere Konzept aber sehr viel über die Zielgruppe und ihre Erwartungen gelernt – und diese Erfahrungen werden wir ganz bestimmt absehbar auch wieder in neue Konzepte einfließen lassen“, sagt Kleppien.
„Es werden aus unserer Sicht insbesondere die nachwachsenden Zielgruppen sein, die neue Trends einfordern und setzen werden – auch bei Biermixes, von ganz neuen Geschmackrichtungen in alkoholfreien Varianten über neue Mischverhältnisse bis hin zu höherprozentigen Biermischungen oder aromatisierten Bieren“, so Kleppien. Biermischgetränke hätten daher weiterhin gute Chancen, sich im Markt zu behaupten – allerdings mit angepassten Profilen, neuer Ansprache und veränderten Markenauftritten.
Sorten sorgen für Impulse
Auch Veltins setzte in der Vergangenheit immer wieder durch ausgefallene Geschmacksrichtungen auf neue Impulse. 2024 brachte die Brauerei mit V+ Wild Berry eine limitierte Edition auf den Markt. „Grundsätzlich sind der Kreativität beim Biermix kaum Grenzen gesetzt“, sagt Emig. „Wir beobachten den Markt weiterhin genau, sodass wir frühzeitig Trendentwicklungen ausmachen können.“

Biermixpionier Karlsberg setzt in diesem Jahr auf den Geschmack Cola-Orange und will damit die Spezi-Welle ins Biermischsegment holen. Neu ist allerdings, dass die Brauerei neben dem neuen Biermix zusätzlich eine Limonade unter der Biermixmarke Mixery auf den Markt bringt. Parallel werde das Spirituosenmix-Segment aufmerksam beobachtet – auch dort brauche es Antworten, so die Brauerei.
Die Bitburger Braugruppe sieht die klassischen Biermixe mit Zitrone weiter als die Volumentreiber. Ergänzt werde das Angebot durch neue Mixturen, die aber in der Regel kürzere Lebenszyklen haben würden, heißt es. Bei den Gebinden erwartet das Unternehmen einen sich fortsetzenden Trend zur Dose.
Neue Ideen sind gefragt
Damit zeichnet sich ein klares Bild ab: Biermix bleibt im Markt fest verankert – als Klassiker für breite Zielgruppen, als alkoholfreie Alternative und als trendiger, oft limitierter Impulsgeber für Jüngere. Seit der Liberalisierung 1993 hat sich die Kategorie etabliert. Ein Wachstumswunder wie Anfang der 2000er-Jahre ist sie nicht mehr, wohl aber eine stabile Größe mit klaren Schwerpunkten. Radler – zunehmend naturtrüb und alkoholfrei – bildet das Rückgrat. Drumherum entstehen immer wieder neue Ideen, die den Nerv junger Konsumenten treffen sollen.
Am Ende ist es dieser Spagat zwischen Verlässlichkeit und Experiment, der Biermischgetränke lebendig hält – und die großen Anbieter dazu zwingt, Tradition und Trend zu bedienen.
























































































