„Alkoholfreies Bier erhöht Diabetes-Risiko“. Diese Schlagzeile der „Bild“-Zeitung verunsicherte in den letzten Wochen sicherlich Millionen von Konsumenten – und brachte zahllose Brauer auf die Palme. Schließlich gehört die Sorte zu den sehr wenigen Kategorien, die noch wachsen – und mehr noch: Als Getränk, das bestens zu dem anhaltenden Trend der Selbstoptimierung und gesunden Lebensweise passt, verheißt das Alkoholfreie sogar noch gute Chancen für die Zukunft.
Eine Gegenrede des Deutschen Brauer-Bunds folgte prompt, was allerdings viele weitere Medien nicht hinderte, die reißerische News, sicherlich oftmals ungeprüft, zu übernehmen – von der „Welt“ über den „Merkur“ und „Focus online“ bis zum TV-Sender „Pro Sieben“, der das vermeintlich völlig harmlose Getränk in der Überschrift eines Online-Artikels gleich einmal zur „unterschätzten Gefahr“ hochspielte.
Negative Botschaft bleibt in den Köpfen
Weiter ging es dann in den sozialen Medien, wie Birte Kleppien, Pressesprecherin der Radeberger Gruppe, beobachtet hat. Verbraucher hätten den Bericht bei Postings über alkoholfreies Bier sofort „reflexartig“ verlinkt; das zeige, dass die Botschaft angesichts der Reichweite und Strahlkraft des auslösenden Mediums nicht spurlos an den Konsumenten vorbeigehe. „Sie bleibt in den Köpfen“, zeigt sich Kleppien auf Anfrage von Getränke News überzeugt. Insofern sei eine solche ungenaue Berichterstattung „natürlich branchen- und kategorienschädlich“, unabhängig davon, ob dies gewollt oder aus Versehen passiere.
Wie der Deutsche Brauer-Bund in seiner Kritik, sieht auch Kleppien das Problem dabei weniger in der zugrundeliegenden Studie, die von Forschern aus Deutschland und den USA verfasst wurde, sondern „in der Verkürzung der Ergebnisse auf eine überzeichnete und so eine ganze Kategorie undifferenziert schädigende Headline“.
Studie mit begrenzter Aussagekraft
Kritik daran kommt nicht allein aus der Brauwirtschaft, sondern auch von Wissenschaftlern. Von einer „katastrophalen Medienkampagne“ spricht etwa Uwe Schröder, Mitglied des Vorstands beim Deutschen Institut für Sporternährung (DISE) in Bad Nauheim. Es sei sehr bedauerlich, „dass ein sehr hochwertiges Getränk, das absolut zu empfehlen ist“, einfach so „abgeschossen“ werde.
Wer die Studie genau lese, erfahre, dass die Autoren selbst auf die begrenzte Aussagekraft ihrer Ergebnisse hinweisen. Begrenzt unter anderem deshalb, weil lediglich 44 gesunde junge Männer, die in vier Gruppen mit entsprechend geringer Teilnehmerzahl eingeteilt wurden, an der Untersuchung teilnahmen, die angewiesen waren, vier Wochen lang zusätzlich zu ihrer täglichen Ernährung je nach Gruppe zwei kleine Flaschen (660 ml) alkoholfreies Pils, Weizen, Biermix oder – zur Kontrolle – die gleiche Menge an Wasser zu konsumieren. Die Forscher untersuchten dann unter anderem die Auswirkung auf den Glukose- und Fettstoffwechsel sowie die Leberfunktion und die Mikrobiota.
Uwe Schröder vom DISE hat denn auch einige „völlig inkonsistente“ Ergebnisse in der Studie ausgemacht. Als Beispiel nennt der Diplom-Oecotrophologe Auswertungen des HbA1c, eines Laborwerts zur Beurteilung des Langzeitblutzuckers. Er ist bei den Wassertrinkern verändert, wenn auch nicht signifikant, obwohl Wasser normalerweise keinen Einfluss auf diesen Wert haben dürfte. Obwohl der Glucose-Wert bei den Konsumenten des alkoholfreien Biermixes signifikant gestiegen ist, hat sich der HbA1c gerade hier faktisch nicht verändert. Als Schwäche stuft Schröder auch ein, dass die Ernährung der Studienteilnehmer überhaupt nicht kontrolliert wurde, man wisse also nicht, was sie abseits der getesteten Getränke gegessen und getrunken hätten.
Blutwerte, „die man sich nur wünschen kann“
Abgesehen von diesen und weiteren Defiziten sind die Ergebnisse der Untersuchung Schröder zufolge nicht einmal besorgniserregend. „Alle Werte, die anstiegen, lagen weiterhin im guten Normbereich, weit weg von Grenzwerten“, es seien Blutwerte gemessen worden, „die man sich nur wünschen kann“. Er will daher auch künftig alkoholfreie Biere als geeignete Getränke nach dem Sport empfehlen. Im Vergleich mit Limonaden, Cola oder gar Energydrinks seien sie „die bei weitem bessere Wahl“, ist er überzeugt.
Je nach Sorte und Marke enthielten alkoholfreie Biere weniger als halb so viel bis maximal zwei Drittel der Kohlenhydratmenge von klassischen Süßgetränken, zugleich würden sie aber eine Fülle an gesunden Inhaltsstoffen mitbringen. Darunter verschiedene B-Vitamine oder wichtige Mineralstoffe wie beispielsweise Kalium, das beim Sport über den Schweiß verloren geht, aber als Gegenspieler des Natriums wichtig zur Verhinderung von Bluthochdruck ist.
Sogar „ein breites Spektrum“ an Polyphenolen, die sonst nur in Obst und Gemüse enthalten sind, liegen laut dem Ernährungsexperten im Bier vor. Diese sekundären Pflanzenstoffe können nachweislich das Immunsystem stärken und Entzündungsprozessen im Körper entgegenwirken.
Brauereien bemüht um Schadensbegrenzung
Tatsache ist aber auch: Die Brauereien müssen mit dem Imageschaden erst einmal leben – und bemühen sich um Schadensbegrenzung. Die medial übermittelte Kritik spiele sicherlich bei Kaufentscheidungen unterschwellig mit und verunsichere Verbraucher, glaubt Birte Kleppien von der Radeberger Gruppe. Man habe die Mitarbeiter informiert und ihnen Argumente an die Hand gegeben, „warum dieser Bericht irreführend ist“. So würden sie zu Multiplikatoren, „die in der öffentlichen Diskussion gegenhalten können“.
Indessen seien die eigenen Marken „Radeberger alkoholfrei“ und „Jever Fun“ beide zuckerfrei und damit „auch im Lichte dieser Berichte bestens aufgestellt“, merkt die Unternehmenssprecherin an. Wegen des klaren Konsumentenwunschs nach möglichst kalorienarmen und im besten Falle zuckerfreien Getränken habe die Braugruppe bereits vor langer Zeit begonnen, dieses Charakteristikum besonders herauszustellen.
Darüber hinaus, so Kleppien, setze man auf die Interessenvertreter in Berlin, die bei diesen Themen gefordert seien: „Sie müssen nun noch mehr aufklären und einfach eindeutig falsche Berichterstattung korrigieren, um von allen Marktakteuren völlig unbegründet verursachten Schaden abzuwenden.“



























































































